Vier Fragen an … Udo Möhrstedt, Gründer und Vorstandsvorsitzender von IBC SOLAR

Udo Möhrstedt ist Gründer und Vorstandsvorsitzender der IBC Solar AG. Der diplomierte Physiker gründete IBC Solar bereits 1982 als Ingenieurbüro in Bad Staffelstein. Es hat mittlerweile zehn Tochterfirmen innerhalb und außerhalb Europas. Das Unternehmen vertreibt als Systemhaus Photovoltaik-Komplettsysteme mit allen nötigen Bauteilen und errichtet als Projektierer Photovoltaikanlagen für gewerbliche Großkunden. Herr Möhrstedt erhielt verschiedene Ehrungen, unter anderem 2012 das Verdienstkreuz am Bande.

Udo Möhrstedt: "Wir müssen uns wieder darauf besinnen, warum wir die Energiewende machen: Es geht um die Zukunft der Sicherheit und des Wohlstands unseres Landes. Energiepolitik muss dazu dienen, die schwerwiegendsten Folgen des Klimawandels abzuwenden."

Milk the Sun: Die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Udo Möhrstedt: Der Zubau der Erneuerbaren Energien wird durch starke Lobby-Gruppen künstlich gebremst. Stattdessen pusten speziell Braunkohlekraftwerke unaufhörlich immer größere Mengen an CO2 in die Luft, obwohl sich die Bundesregierung dazu verpflichtet hat, die CO2-Emissionen zu senken. Daneben sollen in Zukunft noch weitere Kohlekraftwerke ans Netz gehen, wogegen  Bürger bereits heftig protestieren. Die sinkenden Kosten durch Wind- und Sonnenenergie an der Strombörse hingegen werden nicht an die Kunden weitergegeben, sondern sorgen für Sondergewinne bei den Energieversorgern.

Die neue Bundesregierung muss nun dafür Sorge tragen, dass die Klimaziele wieder in den Fokus rücken und dass die niedrigen Strompreise, die wir an der Börse haben, endlich auch bei den Verbrauchern ankommen.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Udo Möhrstedt: Die neue Bundesregierung muss für einen Transformationsprozess sorgen – weg von Atom-  und Kohlekraftwerken und hin zu dezentraler Versorgung durch die Erneuerbaren Energien. Das schafft in Zukunft Unabhängigkeit von steigenden Rohstoffpreisen, macht Deutschland deshalb weniger verwundbar bei Krisen und sorgt dafür, dass das Geld im Lande bleibt und hier Arbeitsplätze entstehen bzw. gesichert werden. Als wichtiger Baustein einer intelligenten Energieversorgung mit Erneuerbaren müssen auch Stromspeicher gefördert werden – in Privathaushalten, Gewerbebetrieben und als Quartiersspeicher in lokalen Verteilnetzen.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Udo Möhrstedt: Wir müssen uns wieder darauf besinnen, warum wir die Energiewende machen: Es geht um die Zukunft der Sicherheit und des Wohlstands unseres Landes. Energiepolitik muss dazu dienen, die schwerwiegendsten Folgen des Klimawandels abzuwenden. Deswegen macht es Sinn, den ohnehin anstehenden Wechsel des überalterten Kraftwerkparks zu nutzen, um auf Erneuerbare umzusteigen und diese kraftvoll auszubauen. Im Übrigen können auch die Erneuerbaren Energien die Verantwortung für Systemstabilität übernehmen. Sie haben bereits gezeigt, dass sie bezahlbaren Strom liefern können.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Udo Möhrstedt: Wir greifen mit dem notwendigen Umbau des Energiesystems tief in ein Interessengeflecht aus Geld, Medien und Politik ein. Zu glauben, dass das ohne Auseinandersetzungen funktioniert, ist nicht sehr realistisch. Wir sollten uns deshalb darum bemühen, dass dieser Prozess so wenige Verlierer zurücklässt, wie möglich. Ich registriere auch zunehmend eine Aufgeschlossenheit für die Energiewende im mittleren Management der Stromkonzerne, ganz besonders aber bei den vielen lokal tätigen Stadtwerken. Die wissen, dass es ein „Weiter so!“ nicht geben kann und wollen die Zukunft der Energieversorgung aktiv mitgestalten, anstatt an überholten Geschäftsmodellen festzuhalten.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Möhrstedt für das Interview.

 


Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin), Erhard Renz (sonnenfluesterer.de), Sabine Eva Rädisch (Autorin und Bloggerin), Bart Markus (Wellington Partners), Prof. Volkmar Liebig (avesco Financial Services AG), Dr. Tim Meyer (Grünstromwerk GmbH), Alexander Fehr (Fehrdeal & Energieblogger), Thomas Nasswetter (Ritter Gruppe und Blogger), Dr. Stefan Dietrich (Windwärts Energie), Sylvia Pilarsky-Grosch (BWE), Holger Ruletzki (Parabel AG), Franz Alt (Journalist), Arne Horn (DZ-4), Dr. Bernd Köhler (Phoenix Solar), Björn-Lars Kuhn (Proteus Solutions & Energieblogger), Cornelia Daniel-Gruber (Journalistin und Bloggerin), Ove Petersen (GP Joule)