Vier Fragen an … Cornelia Daniel-Gruber, Journalistin und Energiebloggerin

Cornelia Daniel-Gruber ist eine der führenden Energiebloggerinnen im deutschsprachigen Raum. Die geborene Österreicherin ist in ihrer Funktion als Journalistin und Bloggerin vor allem auf die Bereiche Solarenergie, Photovoltaik und Solarthermie konzentriert. Seit 2012 leitet sie die Redaktion des ecoquent-positions Blog. Zudem Arbeitet Frau Daniel-Gruber als externe Autorin für den oekoenergie Blog und ist seit 2011 die Inhaberin von Dachgold, einer Beratungsfirma für Solarprojekte.

Cornelia Daniel-Gruber: "Die Energiewende bringt definitiv Verlierer aber noch viel mehr Gewinner auf den Plan. Derzeit haben die Verlierer vielleicht einfach noch zu viel Geld und den Gewinnern ist das Gewinnpotenzial noch nicht so richtig bewusst." (c) Bubu Dujmic

Milk the Sun: Liebe Frau Daniel-Gruber, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Cornelia Daniel-Gruber: Nachdem ich aus Österreich bin, kann ich mir nicht wirklich erlauben Regierungsarbeit zu „bewerten“, ich weiß nur, dass in Deutschland über Energiepolitik gesprochen wird und in Österreich nicht, das Thema ist quasi nonexistent und es wird eine „Wir-sind-eh-Super-Poltitik“ gefahren. Dass unser erneuerbare Energieanteil quasi stagniert, scheint niemanden zu interessieren. Aber jetzt genug aus Österreich und zurück zu Deutschland. Was die öffentliche Debatte und den Umsetzungswillen betrifft, ist Deutschland jedenfalls meilenweit voraus, die Energiewende ist auf Schiene und trotz so mancher Entgleisungen meiner Meinung nach nicht mehr aufzuhalten. Was jedoch problematisch ist, ist das Agieren auf europäischer Ebene. Deutschland müsste noch mehr dafür eintreten, dass Drecksschleudern für ihre Verschmutzung zahlen müssen, anstatt sie weiter zu entlasten. Dies würde auch den billigen Kohlestrom verteuern und die EEG Umlage verringern. Wirklich bedenklich finde ich den Neubau der Kohlekraftwerke ohne CCS. Bei meinem Studienaufenthalt in England wurde uns erklärt, dass dies nur durch geschickte zeitliche Planung möglich war, da die Genehmigungen ausgegeben wurden, bevor das neue EU-Recht in Kraft treten konnte, wonach eine CCS-Möglichkeit für neue Kohlekraftwerke verpflichtend wurde. Nicht falsch verstehen; ich bin kein Freund von CCS, aber es würde endlich die externen Kosten internalisieren und so würden definitiv nicht mehr viele neue Kohlekraftwerke geplant, sondern nur mehr jene, die wirklich notwendig sind.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Cornelia Daniel-Gruber: Der Strombereich ist wie gesagt auf Schiene und nun muss vermutlich das EEG etwas nachgebessert werden, es darf aber in keinem Fall so kurz vor dem Durchbruch abgeschafft werden. Es sei denn es werden gleichzeitig alle Privilegien der alten Energiewirtschaft abgeschafft und externe Kosten in die fossilen Energien eingepreist. Der viel größere Brocken ist aber meiner Meinung nach der Wärmebereich, welcher sträflich vernachlässigt wurde. Es gibt bereits erste Ansätze, dass sich hier etwas tut, dieser Weg sollte fortgesetzt werden.  Dänemark könnte hier ein gutes Vorbild sein. Der Umstieg auf 100% ist dort in allen Bereichen skizziert und auch die Finanzierung nach 4 Jahren Verhandlung unter Dach und Fach. Nun wird der Plan schrittweise abgearbeitet, auch England arbeitet mit dem System des „Backcastings“ und plant mithilfe einer CO2-Steuer eine massive Reduktion der Treibhausgase. Leider mit etwas unüblichen Mitteln wie AKW’s und CCS aber dort vertraue ich darauf, dass der Markt diese Technologien langfristig verdrängen wird, wenn nicht mit unnötigen Subventionen nachgeholfen wird.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Cornelia Daniel-Gruber: Kostenwahrheit, Kostenwahrheit, Kostenwahrheit. Da es die absolute Wahrheit immer noch nicht gibt und daher auf beiden Seiten gegensätzliche Werte verwendet werden, ist es immanent, hier wirklichen Durchblick zu bekommen. Für jeden Bürger sollte klar sein wie viel die kWh aus Photovoltaik oder Solarthermie kostet, gleichzeitig sollte jeder aus dem Effeff die Kosten/kWh für ein neugebautes Atom- oder Kohlekraftwerk beziffern können. Das klingt jetzt vielleicht zu viel verlangt, aber transparente Strom- und Wärmegestehungskosten sind meiner Meinung nach der einzig richtige Weg in Richtung Wahrheitsfindung. Natürlich müssen die Rechnungen ehrlich sein. Bei Photovoltaik und Solarthermie wird verlangt jede einzelne Handwerkerstunde, die über die Laufzeit anfällt, mit einzurechnen. Es handelt sich um eine komplette Vollkostenrechnung mit Versicherung, Garantien und Austausch einzelner Komponenten. Diesen Detaillierungsgrad vermisse ich bei den Fossilen. Man findet kaum transparente Berechnungsmodelle über die Laufzeit eines AKWs. Auch die unterschiedlichen Annahmen über die Laufzeit müssen berücksichtigt werden. Warum wird z.B. ein AKW auf 50 Jahr gerechnet, aber ein PV-Kraftwerk auf 25? Mit entsprechenden Wartungskosten kann auch ein PV-Kraftwerk über deutlich mehr Jahre betrieben werden.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezies geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Cornelia Daniel-Gruber: Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Es liegt sicher an der Komplexität der Probleme und daran, dass es die Zweifler geschafft haben, einen gewissen Unsicherheitsgrad in die Debatte zu bringen. Dadurch fehlt es der Politik an der nötigen Konsequenz für die anstehenden Entscheidungen. Wäre allen glasklar, dass die externen Kosten der Fossilen höher sind, als die nötigen Mittel um eine erneuerbare Gesellschaft aufzubauen und gäbe es keinen Zweifel, dass CO2 unserem Planeten wirklich schadet, wäre die Einführung einer einfachen und konsequent umgesetzten Dreck- Schadstoff- oder CO2-Steuer, die einzig folgerichtige Entscheidung. Der vielzitierte Markt würde uns dann weg vom CO2 hinzu saubereren Formen führen. Auch jeder einzelne müsste mit seinem „CO2-Budget“ auskommen und für einen Mehrverbrauch bezahlen. So würden auch die Weniger-Einnahmen aus Ölsteuern wieder aufgehoben, was ja die Politik ebenfalls noch zurückhält, die Energiewirtschaft umzubauen. Insgesamt gibt es vermutlich viel zu viele Einzelinteressen, die nicht so einfach unter einen Hut zu bringen sind. Die Energiewende bringt definitiv Verlierer aber noch viel mehr Gewinner auf den Plan. Derzeit haben die Verlierer vielleicht einfach noch zu viel Geld und den Gewinnern ist das Gewinnpotenzial noch nicht so richtig bewusst.

 

Wir bedanken uns bei Frau Daniel-Gruber für das Interview.

 


 Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin), Erhard Renz (sonnenfluesterer.de), Sabine Eva Rädisch (Autorin und Bloggerin), Bart Markus (Wellington Partners), Prof. Volkmar Liebig (avesco Financial Services AG), Dr. Tim Meyer (Grünstromwerk GmbH), Alexander Fehr (Fehrdeal & Energieblogger), Thomas Nasswetter (Ritter Gruppe und Blogger), Dr. Stefan Dietrich (Windwärts Energie), Sylvia Pilarsky-Grosch (BWE), Holger Ruletzki (Parabel AG), Franz Alt (Journalist), Arne Horn (DZ-4), Dr. Bernd Köhler (Phoenix Solar), Björn-Lars Kuhn (Proteus Solutions & Energieblogger)

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