Vier Fragen an … Erhard Renz, sonnenfluesterer.de

Erhard Renz betreibt den Blog www.sonnenfluesterer.de. Er nennt sich selbst „praktizierender Atomkraftgegner“ und schreibt als Energieblogger über seine Erfahrungen im Energiebereich. Mittelpunkt seines Blogs sind die Geschehnisse rund um das Thema Energieautonomie in der Kleinstadt Bürstadt. Beispiele zentraler Schwerpunkte sind das nur 8 Kilometer entfernte Atomkraftwerk Biblis, das Weltgrößtes PV Dach (2005) und neuerdings die Frage der Ölförderung in der Gemeinde. Erhard Renz engagiert sich bei Solar- (z.B. DSC) und Windverbänden, ist sich allerdings auch politisch im Kommunalparlament aktiv.

Erhard Renz: "Photovoltaik ist die demokratischste Energieerzeugung und darf nicht verboten oder besteuert werden."

Milk the Sun: Lieber Herr Renz, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Erhard Renz: Beim Rückblick auf die letzte Legislaturperiode ist festzustellen, dass die schwarz-gelbe Regierung als erstes die Laufzeit der Atomkraftwerke verlängerte. Ein fataler Fehler der erst durch Fukushima und Massenprotesten zurück-„gewendet“ wurde. Die Energiepolitik von schwarz-gelb läuft unter dem Titel „Energiewende“. Ich empfinde dieses Wort als Antwort auf die Rot-Grüne Regierungszeit (1998-2005). Die schwarz-gelbe Regierung bemüht sich, mit allen Mitteln, den Schwung der dezentralen Erneuerbaren Energien in Bürgerhand abzuschwächen und die „alten Besitzverhältnisse“ wieder herzustellen oder zumindest zu bewahren. Ein Umweltminister der 2013 die Halbierung des Photovoltaik Zubaus begrüßt und sich über ein neues Braunkohlekraftwerk freut hat seinen Job nicht gemacht, nicht verstanden oder andere Zielvorstellungen! Positive Klimapolitische Ergebnisse kann ich rückblickend bei dieser Bundesregierung nicht sehen. Die Fokussierung auf Kosten, Schonung von Konzernen und Untätigkeit im CO2 Handel überwiegen meine Wahrnehmung.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Erhard Renz: Von „unten“ denken! Ich erwarte, dass die Relevanz der Photovoltaik erkannt wird. Bei derzeit 1,4 Millionen Photovoltaikanlagen und einem Gebäudebestand von 19 Millionen Gebäuden in Deutschland muss in jeder energetische Zukunftsbetrachtung von 15 Millionen Photovoltaikanlagen ausgegangen werden. Mir kann niemand erklären warum im Jahr 2025 ein Gebäudebesitzer, bei Herstellungskosten von dann schätzungsweise 8 Cent je Kilowattstunde und einem ebenfalls geschätzten Strom Kaufpreis von 32 Cent, sein Gebäude nicht nutzen sollte um Strom zu produzieren! Deshalb muss jedes Energie Zukunftsszenario von dieser Grundmenge (15 Millionen!) Photovoltaikanlagen ausgehen. Photovoltaik ist die demokratischste Energieerzeugung und darf nicht verboten oder besteuert werden. Als nächstes ist zu berücksichtigen, dass viele Bürger sich einen Energiespeicher zulegen werden. Ich wünsche mir von der nächsten Bundesregierung so einfache Dinge, wie einen rücklaufenden Stromzähler für diejenigen die eine Photovoltaikanlage auf dem eigenen Dach betreiben. Es macht doch keinen Sinn, dass ich auf dem Papier noch Strom „hinzukaufen“ muß obwohl ich unter dem Strich mehr Strom produziere, als im eigenen Haus verbraucht wird.

Die nächste „Denk“-Ebene muss die Quartiersebene werden, auf der sich Nachbarn zusammenschließen, um Energie effizient gemeinsam zu produzieren/speichern. Hier greifen Techniken wie Kraft-Wärme-Kopplung im kleinen Stil. Erst dann kommt die kommunale Sichtweise, bei der sich Kommunen überlegen, wie sie Ihren Bürgern Energie zur Verfügung stellen. Ab der kommunalen Ebene greift die Windenergie in das Geschehen ein. Der Ausbau der Windenergie muss kommunal integriert werden. Kommunal erzeugt Energie, muss immer Vorrangig vor extern zugekaufter Energie sein. Bürgerfinanzierung muss Vorrang vor Fremdinvestition haben. Natürlich gehören die lokalen Netze (Strom und Gas) in die Hand der Kommune und der Bürgergenossenschaften. Diese lokale Sicht muss Vorrang in der Politik und der Gesetzgebung erhalten.

Atom: Traditionell bleibe ich natürlich bei meiner Forderung nach der Abschaltung aller Atomkraftwerke und die Einstellung jeglicher Forschungsgelder für Atomenergie und Kernfusion. Dazu gehört auch die Brennelemente Herstellung (Urananreicherung) in Gronau. Die Lagerung von hochradioaktiven Abfällen kann erst angegangen werden, wenn alle AKW abgeschaltet sind.

Öl- Stein- und Braunkohlereserven: Aus aktuellem Anlass erwarte ich keine weiteren Vergaben von Förderlizenzen auf dem Boden der Bundesrepublik. In meiner Heimatstadt Bürstadt steht gerade (am 2.9.2013) die Förderung von Öl in meiner Heimatgemeinde auf der Tagesordnung. Ohne je die Bürger gefragt zu haben! Es dürfen keine Lizenzen zur Förderung von CO2 Quellen erteilt werden. Dazu gehört die Überarbeitung des veralteten Bergrechtes, um die Rechte der Anwohner besser zu schützen. Ähnlich wie beim Atomausstieg muss der Ausstieg aus Öl-, Steinkohle- und Braunkohlestrom in einem Ausstiegsszenario geregelt werden, ansonsten kann das Ziel der Bundesregierung – 80% Erneuerbare Energien bis 2050 – nicht erreicht werden. Die Produktion von diesem „Graustrom“ in Deutschland muss reduziert und der Export von „Graustrom“ gedeckelt werden.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Erhard Renz: Ich war selbst Teilnehmer bei verschiedenen „Energiegipfel“ (z.B. Hessischer Energiegipfel) und musste feststellen, dass die falschen Experten am Tisch sitzen! Die Experten von gestern sind die Rentner von morgen aber nicht die Experten für die Energieautonomie. Diese Energieautonomie muss auf allen Ebenen angestrebt werden! Ich halte es hier mit Hermann Scheer, der sagte: „Bei der Einführung von Computern hat auch niemand die Schreibmaschinen Hersteller als Experten befragt!“

Die Marktmacht der alten Energiekonzerne ist zu gewaltig, um ein „konstruktives Vorgehen“ zu realisieren. Diese Konzerne müssen ihre Kraftwerke aber auch einen Teil Ihrer bilanziellen Vorräte (Öl, Stein-und Braunkohle) abschreiben. Diese „CO2-Blase“ wird irgendwann platzen. Der Wertverlust dieser Aktiengesellschaften wird natürlich nicht ohne Gegenwehr hingenommen. Sie werfen momentan alles in die Schlacht um zu retten, was zu retten ist. Die Konzernstrukturen sind aber aus meiner Sicht nicht zu retten.

Ich habe Jahrzehnte bei einem Automobilhersteller gearbeitet. Es gab nie einen konstruktiven Ausbau von Straßen in Deutschland. Der Ausbau der Erneuerbaren Energien von „unten“ wird dazu führen, dass mittel- bis langfristig nur die wirtschaftlichen Erneuerbaren-Kraftwerke und die dazu nötigen Speicher und Netze gebaut werden. Ein zentralistischer Ansatz womöglich noch auf europäische Ebene wäre kontraproduktiv und ein Rückschritt. Deutschland muss sein Modell „Energiewende von unten“ zum Erfolg bringen.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Erhard Renz: Meine Einschätzung ist eine ganz andere. Wir, die „Öko Spinner“, die vor 25 Jahren Wind- und vor 15 Jahren Sonnenenergie propagiert haben, sind erfolgreich! Jedes einzelne Erneuerbare Kraftwerk ist ein Sieg für uns, wir erleben es nur nicht so im Alltag. Die technische Entwicklung läuft schneller und kostengünstiger als erwartet. Die Profiteure der „alten Energieversorgung“ können leider nicht schnell genug aus dem System entfernt werden. Wer mit dem einzelnen Experten der alten Energieversorgung redet und ihm einen Arbeitsplatz im Bereich der Erneuerbaren Energien schmackhaft macht scheitert. Die Arbeitsplätze bei den Energieriesen sind immer noch sicher und bestens bezahlt, im Vergleich zu den Risiken und mager bezahlten Jobs bei der Erneuerbaren-Branche. Die Renditen/Gehälter für die Banken/Banker sind im atomar/fossilen System höher als in der Erneuerbaren-Branche. Vorstände und Aufsichtsräte „arbeiten“ dort meist ehrenamtlich. Dies wird von Politikern, Managern, Investoren und Bankern toleriert. Alles auf Kosten der Umwelt und nachfolgender Generationen. Wir werden weiterhin um jede(n) Bürger(In) um jede Photovoltaikanlage, jedes Windrad, jeden Speicher kämpfen müssen. Eigentlich freu ich mich drauf, weil ich sicher bin, dass dies der richtige Weg ist!

 

Wir bedanken uns bei Herrn Renz für das Interview.

 


 Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin)