Der neue Hype um PV-Freiflächenprojekte in Deutschland

Der neue Hype um PV-Freiflächenprojekte in Deutschland

Es herrscht Aufbruchstimmung im deutschen Solarmarkt, denn die Branche entdeckt die großen Freiflächen-Solaranlagen wieder.

Das liegt nicht nur daran, dass mit der EEG-Novelle 2021 die Flächenkulisse für Ausschreibungen von 10 MWp auf 20 MWp verdoppelt und die Randstreifenregelungen an Straßen und Schienenwegen verbessert wurden, sondern an der Hoffnung vieler Akteure außerhalb des EEG mit hoffentlich geeigneten Flächen auf „Solar-Gold“ zu stoßen.

Dieser Hype ist einerseits verständlich, da die Bundesregierung mit Ihrer nicht ausgereiften EEG-Novelle 2021 dafür gesorgt hat, dass die gewerblichen Dachprojekte größer 300 KWp fast nicht mehr realisiert werden können und auch die Ausschreibungsvolumen in diesem Segment alles andere als auskömmlich sind, was einer ganzen Branche einen Teil der Geschäftsgrundlage entzogen hat.

Andererseits birgt es auch Gefahren, weil aus dieser Not heraus Massen an guten, aber auch weniger guten Flächenakquisiteuren und Projektentwicklern auf den sich entwickelnden Freiflächenmarkt losgehen.

Wie PV-Freiflächenprojekte helfen, die Stromlücke zu schließen

Unser Industrieland will bis 2050 und vielleicht nach der Wahl noch schneller klimaneutral werden und bis 2030 den Anteil an Strom aus erneuerbaren Energien auf 65 Prozent erhöhen. Gleichzeitig gehen kurzfristig die letzten Atommeiler von Netz und mit dem Kohlausstiegsgesetz entsteht eine weitere Stromlücke, die schnell und zuverlässig geschlossen werden muss.

Denn trotz erheblicher Einsparungspotentiale bei den klassischen Stromverbräuchen durch beispielsweise Effizienzverbesserungen wird der Gesamtstromverbrauch in den kommenden Jahren durch die Sektorenkopplung (Wärmepumpen, Elektromobilität und power-to-x-Lösungen) erheblich steigen.

Der dafür benötigte dynamische Ausbau der erneuerbaren Energien, wie Photovoltaik, Wind-On- und Offshore, Solarthermie, Wasserkraft, Geothermie u.a. wird jedoch durch einen planungsrechtlichen, oft länderspezifischen Alptraum massiv behindert und selbst das EEG, als zusätzliches Regulatorium, beschneidet den Zubau durch zusätzliche flächen- oder größenbeschränkende Regelungen weiter massiv.

Dank des sich positiv entwickelnden Verhältnisses zwischen den Gestehungskosten und den frei am Markt erzielbaren Erträgen durch PPAs und Direktstromvermarktung von großen Freiflächen-Photovoltaikanlagen kommen solche Kraftwerke ohne staatlich garantierte Vergütungen aus und können sich damit dem starren Korsett der Flächen- und Größenreglementierung des EEG entziehen.

Damit ist der Weg für immer größere Multimegawattparks in Deutschland frei, die helfen die entstehende Stromlücke schnell zu schließen.

Das angebliche Problem mit den Flächen

Ein Mythos, der den PV-Freiflächenanlagen angedichtet wird, ist der extreme Flächenverbrauch, der auch immer wieder von Gegnern großer Solarparks als Argument herangezogen wird. Dazu sollten folgende Fakten berücksichtigt werden.

Sobald man sich außerhalb des EEG befindet, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, Solarparks überall dort zu bauen, wo dies nicht baurechtlich ausgeschlossen ist. Diese Flächenkulisse ist von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich.

Die üblicherweise bevorzugten Konversionsflächen, Straßen – und Schienenrandstreifen sowie baulichen Anlagen sind begrenzt und auch nicht immer geeignet, Solarparks zu den notwendigen Kosten zu bauen und zu betreiben.

Ganz anders sieht es bei landwirtschaftlich genutzten Flächen aus. Gemäß dem Statistischen Bundesamt gibt es in Deutschland ca. 16,7 Mio. ha Landwirtschaftliche Nutzfläche. Davon werden ca. 14 Prozent zum Anbau von Energiepflanzen, wie Mais und Raps genutzt.

Das entspricht ca. 2,3 Mio. ha Ackerfläche, die aktuell indirekt zur Energieerzeugung genutzt werden. Würde davon auch nur die Hälfte der Fläche für die Bebauung mit Photovoltaik zur Verfügung stehen, dann könnten ca. 1.000 GWp Solaranlagen darauf errichtet werden. Genug, um unseren Strombedarf im Energiemix für die kommenden Jahrzehnte zu decken.

Für die Nutzung dieser Flächen spräche, dass die Energieausbeute von einem m² Solarfläche um das 31fache höher liegt, als aus einem m² Energiemais gewonnen werden kann. Zudem würden diese intensiv landwirtschaftlich bewirtschaftete Monokulturfläche eine Erholung erfahren, neuer Lebensraum für verdrängte Pflanzen und Tiere könnte entstehen und Humus würde sich über die Jahre bilden, der wiederum CO2 bindet. Diese Punkte wurden beispielsweise ausführlich in der Studie „Solarparks – Gewinne für die Biodiversität“ des BNE e.V. erörtert.

Wenn man mal davon absieht, dass neben der reinen Fläche auch ein wirtschaftlich sinnvoller Netzverknüpfungspunkt für die Errichtung von Solarparks notwendig ist, was die nutzbaren Flächen schon reduziert, so sind es doch die landesrechtlichen Raumordnungs-Vorschriften, die dafür sorgen, dass die Bebauung möglicher landwirtschaftlicher Flächen in vielen Bundesländern bisher nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich ist.

Unkontrollierter Run sorgt für „Überhitzung“ des Marktes und Akzeptanzprobleme

Diese bisher politisch gewollte Verknappung der Flächen in Verbindung mit vielen Marktakteuren (wie beispielsweise Flächenscouts, Projektentwickler, EPCs IPPs und Utilitys), die auf den Markt drängen, sorgen für einen unkontrollierten Run auf die aktuell zur Verfügung stehenden Flächen.

Das führt dazu, dass die Pachtpreise für die geeigneten Flächen immer weiter steigen. Manch Flächenbesitzer kann es gar nicht fassen, dass sein noch vor Monaten ertragsarm darbendes Stück Ackerfläche plötzlich zur wahren Goldgrube geworden ist. Innerhalb nur eines Jahres scheinen sich die jährlichen Pachtpreise von ca. 1.500 € je ha mancherorts mehr als verdoppelt zu haben, ein Ende noch nicht in Sicht.

Zu welchen Lasten geht dann so ein drastischer Kostenanstieg? An den Bau- und Betriebskosten kann man nur bedingt optimieren und auch die Banken und Kapitalgeber werden nicht auf Ihre Margen verzichten wollen.

Bleibt also nur, an den weichen Faktoren zu sparen, die für die Akzeptanz für die großen FF-Photovoltaikprojekte bei den Menschen in den Städten und Gemeinden und damit letztendlich auch bei der Politik sorgen.

Lobenswerte Initiativen und Maßnahmen, wie „Gute Planung von PV-Freilandanlagen“, die zu einer höheren Akzeptanz führen sollen und damit für die notwendige Zustimmung und Unterstützung in den Plan- und Genehmigungsverfahren in den Gemeinderatssitzungen und der Bürgerbeteiligung beitragen, sind ökonomisch und ökologisch sinnvoll, kosten aber auch Geld, welche die PV-Projekte erwirtschaften müssen.

Eine kurzfristige Überhitzung des PV-Freiflächenmarktes sägt an dem dünnen Ast, auf den ein Großteil der aktuellen und zukünftigen Solarindustrie sitzt.

Mit mehr Augenmaß zu mehr Akzeptanz

Das Gelingen der Energiewende, auch mit Hilfe von großen Freiflächen-Solaranlagen, ist nur möglich, wenn wir die Menschen vor Ort für das Projekt vor Ihrer Haustür begeistern, weil es einen Mehrwert für Ihre Gemeinde bringt, wenn wir der Politik zeigen, dass es sinnvoll ist mehr Fläche für den Bau zuzulassen und wenn Photovoltaik zukünftig weiter kostengünstig und zuverlässig Strom produziert, den wir für die Energie- und Wärmeversorgung, unsere Mobilität aber auch als Grundlage der bestehenden und kommenden power-to-x-Industrie benötigen.

Ziel des Wettbewerbs um die geeigneten Flächen muss es sein, nicht nur schnell viele Flächen zu sichern und Netzkapazitäten zu blockieren, sondern zeitnah große Freiflächenanlagen zu planen, zu bauen und zu betreiben und damit zu beweisen, wie wertvoll diese für die Unternehmer, für die Flächenbesitzer, für die Menschen in den angrenzenden Gemeinden, für die Natur, für die Energieversorgung, für die Industriellen Wertschöpfungsketten, aber auch wertvoll für die Kapitalgeber sind.

Dann und nur dann erfahren die großen PV-Freiflächenprojekte die breite Akzeptanz, die notwendig ist, um schnell die Kapazitäten aufzubauen, die die Energiewende braucht.

Dirk Petschick

Mitgründer, Gesellschafter und Geschäftsführer von Milk the Sun, Dirk ist seit 2009 in der PV-Branche aktiv. Er lebt, arbeitet und schreibt für die Energiewende.