Eberhard Holstein von Grundgrün: „Das EEG muss jetzt endlich erwachsen werden“

Aktives teilnehmen an und profitieren von der Energiewende – damit wirbt der Berliner Energieversorger Grundgrün. Im Zentrum des Unternehmens stehen das virtuelle Kraftwerk und die Direktvermarktung. Was es damit genau auf sich hat, erklärt Geschäftsführer Eberhard Holstein im Gespräch mit Milk the Sun.

Milk the Sun: Sehr geehrter Herr Holstein, in wenigen Sätzen: Was umfasst Grundgrün alles?

Holstein: Grundgrün ist spezialisiert auf den Stromhandel mit fluktuierenden Erzeugungen wie Wind und Sonne sowie das  Zusammenfassen aller kurzfristigen Veränderungen in Produktion, Speicher und Endkundenlast. So stellen wir die profitable Vermarktung der Strommengen unserer aktuellen und zukünftigen Stromerzeuger sicher. Und werden damit in Bälde auch Endkunden beliefern können. Darüber hinaus kümmert sich ein Team von Profis aus der  Stromwirtschaft ohne historische Beschränkungen mit einem klaren Bekenntnis zur Energiewende um Zukunftsthemen.

Milk the Sun: Auf der Unternehmenswebsite lässt sich folgender Satz finden: „Das virtuelle Kraftwerk ist der Schlüssel zur Einbindung der erneuerbaren Energie in den Strommarkt.“ Wie genau funktioniert so ein virtuelles Kraftwerk? Was ist das, welche Probleme und welche Vorteile bietet es?

Holstein: Kern eines virtuellen Kraftwerks ist zunächst eine hochkomplexe Software, die unseren Erzeugern und uns ein dezentrales Energiemanagement ermöglicht. Mithilfe dieser Software können wir viele kleine stochastische Erzeugungsmengen kumulieren und „glätten“.  Dazu werden die Echtdaten vieler auch kleinster Einheiten zusammengefasst.

Hier liegt der zentrale Vorteil des virtuellen Kraftwerks: Aus der kumulierten Daten-, sprich Strommenge, können wir – unabhängig von der individuellen Erzeugungsmenge –  , die günstigsten Wege zum Einsatz finden und Einsatzbefehle geben. Im Fokus steht dabei die Kurzfrist-Kraftwerks-und Lastoptimierung, von denen sowohl der einzelne Erzeuger als auch der Energiemarkt allgemein profitieren.

Neben der rein technischen Herausforderung, die die fehlenden Normierungen der Schnittstellen darstellt (bedingt durch individuelle Montagetätigkeiten), stehen wir vor allem vor der Herausforderung, dass die Marktteilnehmer einen ganz neuen Blick auf ihre Rolle im Strommarkt einnehmen müssen. Hier sind wir häufig mit einem eher geringen wirtschaftlichen Verständnis der Marktteilnehmer konfrontiert, die gewohnt sind, dass die konventionelle Stromwirtschaft alle Schwankungen ausregeln kann.

Dies kann  jedoch auch aus dezentralen Strukturen heraus realisiert werden. Bei klugem Einsatz ergibt sich eine Summe vieler kleinerer Veränderungsmöglichkeiten, die jedoch von einem zentralen Akteur im virtuellen Kraftwerk sinnvoll zusammengeführt werden müssen.

Milk the Sun: Grundgrün setzt auf die Direktvermarktung von Strom. Was genau bedeutet das, und warum wählt Grundgrün diesen Weg?

Holstein: Bisher wurde der Strom von EEG – geförderten Anlagen bei den Übertragungs-netzbetreibern abgeliefert und fix vergütet. Diese sind jedoch keine Händler, sondern Monopolisten. Für keinen der beiden Marktteilnehmer bestand die Notwendigkeit, marktwirtschaftlich zu denken und zu handeln.

Mit der jetzt möglichen Direktvermarktung und dem dazugehörigen Instrument der Marktprämie bekommen wir die Mengen an Stelle der Netzbetreiber und können die jeweils günstigsten Vermarktungswege wählen.

Die Marktprämie stellt dabei sicher, dass der Erzeuger in der Direktvermarktung niemals schlechter gestellt ist als mit der herkömmlichen fixen Vergütung nach EEG.

So ermöglicht die Direktvermarktung den Produzenten,  mehr Geld zu verdienen, indem sie uns ihre Mengen marktwirtschaftlich sinnvoll vermarkten lassen. Oder indem es sogar möglich sein wird, Endkunden direkt aus „Ihrem Windpark“ zu beliefern.

Damit führen wir heute schon den Nachweis, dass die Energiewende technisch und wirtschaftlich möglich ist.

Milk the Sun: Wie funktioniert die Marktprämie für die Direktvermarktung Erneuerbarer Energien?

Holstein: Die Produzenten von EEG – Anlagen, deren Einspeisung lastganggemessen ist (über 100 kWPmax) schließen einen Vertrag mit uns und bevollmächtigen uns zu allen notwendigen Handlungen gegenüber dem Netzbetreiber. Wir bürgen mit einer Bankbürgschaft für eine Vergütung höher als das EEG. Dies muss von der finanzierenden Bank des Erzeugers genehmigt werden, da denen in der Regel die Stromproduktion sicherungsübereignet ist. Nach ca. 6 Wochen beginnt für den Produzenten die Zeit des Mehrerlöses. Wir wirtschaften günstig mit den Budgets und haben attraktivere Vermarktungswege: Diese Vorteile können wir uns mit dem Erzeuger teilen.

Milk the Sun:  Was halten Sie von der aktuellen Diskussion rund um das EEG?

Holstein: Das EEG war eine sehr geeignete Starthilfe für den Weg in eine Serienproduktion von erneuerbaren Erzeugern und eine erste Einführung in die Stromwirtschaft.

Heute sind die Beteiligten erfahrener und reifer geworden und die Gesellschaft hat zweifelsfrei festgestellt, dass die Erneuerbaren die tragende Säule der Stromwirtschaft sein werden. Hier müssen alle Beteiligten gemeinsam neue Wege finden, die Gesamtkette von Produktion durch die Netze bis hin zum Endkunden sicher und kostengünstig bereitzustellen.

Der Staat sollte sich hier zunehmend zurückziehen und der Innovationskraft der an der Weiterentwicklung des Marktes Interessierten ihren Lauf lassen. Innovationen kommen von kleineren und mittleren Betrieben und sollten nicht an der Ertragskraft der herkömmlichen Stromindustrie gemessen werden, sondern am Kundennutzen.

Hierzu müssen wir gemeinsam die Regeln der Stromwirtschaft und des Strommarktdesigns überarbeiten – am besten hin zu einer wettbewerblichen Landschaft aus Erzeugern, Händlern  und Verbrauchern und einem strikt auf die Systemsicherheit fokussierten Netzbetrieb. Das EEG benutzt heute noch die Netzbetreiber zu Handelsgeschäften, das ist nicht zukunftsweisend.

All das funktioniert jedoch nur, wenn alle externen Kosten der Produktion in den Arbeitspreis der Erzeugung einfließen, was bei Erneuerbaren zumeist der Fall ist – bei der konventionellen Erzeugung jedoch nie. So müsste CO2 z. B. viel teurer werden.

Kurz: Das EEG ist derzeit gewissermaßen in der Pubertät und muss jetzt endlich erwachsen werden.

Milk the Sun: Beeinflusst die aktuelle Diskussion Ihr Unternehmen in irgendeiner Art und Weise?

Holstein: Grundsätzlich begrüße ich die aufkommende Auseinandersetzungsbereitschaft mit den oben angesprochenen Themenkreisen. Allerdings behindert jede Unsicherheit in Bezug auf die Ökonomie zu tätigender Investitionen den Elan derer, die etwas voran bringen wollen. Auch wenn es noch Schwenks geben muss, ist jede Rolle rückwärts Gift für das Kapital.

Milk the Sun: Was wünschen Sie sich von der Politik für die Zukunft der Energieversorgung in Deutschland?

Holstein: Eine Loslösung von den Einflüsterungen der Unzahl von Individualinteressen und Lobbyisten hin zu einer weitsichtigen Gestaltung für Bürger und Industrie mit hohem Wirkungsgrad und gesellschaftlicher Akzeptanz.

Wir bedanken uns bei Herrn Holstein für das Gespräch.

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