Vier Fragen an … Dr. Tim Meyer, Geschäftsführer und Gründungsgesellschafter der Grünstromwerk GmbH

Tim Meyer ist Gründungsgesellschafter und Geschäftsführer der Grünstromwerk GmbH. Er besitzt über 17 Jahre Erfahrung in Technologie und Marketing für erneuerbare Energien. Nach Promotion und später Abteilungsleitung am Fraunhofer ISE in Freiburg hat er mit Schwerpunkt Photovoltaik Führungsfunktionen in den Bereichen Projektentwicklung und –finanzierung, O&M, Marketing und Technologie ausgefüllt. Grünstromwerk ist bundesweit der erste Energieversorger und Dienstleister mit Spezialisierung auf Solarstrom und dezentrale Versorgungslösungen. Das Unternehmen hat es sich zur Aufgabe gemacht, erneuerbare Energien nachhaltig und eigenständig in den Energiemarkt zu integrieren.

Dr. Meyer: "Die Stärke und der Nutzen der Erneuerbaren liegen in der Dezentralität und Regionalität. Anreize zum Vor-Ort- oder regionalen Verbrauch von Ökostrom sollten über EEG, Netzentgeltverordnung und Stromsteuergesetz harmonisiert werden."

Milk the Sun: Lieber Herr Dr. Meyer, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Tim Meyer: Ich möchte mich bei der Antwort auf die Ergebnisse für den Energie- und speziell den Strommarkt beschränken. Hier ist die Bilanz verstörend: in Deutschland haben wir EEG-Gesetzesänderungen und Änderungsinitiativen im Halbjahrestakt gesehen. Bezüglich erneuerbarer Energien sind Kunden, Industrie und Investoren zutiefst verunsichert. Heute haben wir einen regulatorischen Flickenteppich mit zahlreichen neuen Umlagen und Sondertatbeständen. Der dringend benötigte Wurf einer ganzheitlichen neuen Regulierung des Strommarktes liegt nicht vor. Der europäische CO2-Markt, über den maßgeblich auch der Strommix in Deutschland beeinflusst wird, liegt am Boden. Gerade auch wegen der deutschen Ablehnung eines konsequenten Backloading. Im Ergebnis erreicht die Stromproduktion aus Kohle neue Rekordniveaus, können effiziente und moderne Gaskraftwerke nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden und herrscht in allen Bereichen der alten und neuen Energiewirtschaft Verunsicherung. Dabei braucht gerade der Energiesektor mit seinen langen Investitionszyklen Planungssicherheit. Und zwar mit klaren Zielvorgaben und Instrumenten in Richtung Erneuerbare Energien, Klimaschutz und Energieeffizienz.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Tim Meyer: Kurz und knapp: die Neuordnung des Strommarktes und die Wiederbelebung des CO2-Marktes. Wir brauchen eine stabile und klare Regulierung zum weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien auf Basis des EEG. Mit der noch notwendigen Förderung aber mit starken Instrumenten für die Marktintegration. Dabei müssen wir weg kommen vom Wettbewerb der erneuerbaren Energien mit konventionellen Stromquellen im Großhandel, so wie derzeit umgesetzt und von einigen präferiert. Die Stärke und der Nutzen der Erneuerbaren liegt in der Dezentralität und Regionalität. Anreize zum Vor-Ort- oder regionalen Verbrauch von Ökostrom sollten über EEG, Netzentgeltverordnung und Stromsteuergesetz harmonisiert werden. Darüber hinaus sollten alle Stromvertriebe die Aufgabe erhalten, auch fluktuierende erneuerbare Energien zu integrieren. Gleichzeitig müssen die fossilen Stromerzeuger über die Wiederbelebung des europäischen CO2-Marktes endlich ihre realen Umweltkosten tragen.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Tim Meyer: Wir erleben einen einmaligen Verteilungs- und teilweise Existenzkampf der alten, zentralen Energiewirtschaft. Die Energiewende, besonders der Ausbau der erneuerbaren Energien, entwertet bestehende Kraftwerke, d.h. das Vermögen dieser Unternehmen. Und raubt ihnen das Geschäftsmodell. Ich befürchte, ohne „Propaganda“ wird sich die alte Energiewirtschaft nicht geschlagen geben. Mein Vorschlag oder besser: mein Wunsch ist, dass die Politik hier klare Führung zeigt und die Übergangsschmerzen der alten Energiewirtschaft dem Ziel einer sauberen und langfristig preisgünstigen Energieversorgung auf Basis erneuerbarer Energien unterordnet. Gleichzeitig bleiben alle Akteure der „Energiewende von unten“ aufgerufen, ihr Engagement unvermindert weiter zu treiben: in Netzwerken, Gemeinden, Energiegenossenschaften, Unternehmen und zu Hause.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Tim Meyer: Die deutsche Energiewende stellt einen gravierenden Umbau deutscher Industriestrukturen, Macht- und Besitzverhältnisse dar – mit entsprechenden Interessenkonflikten. Auf globaler Ebene scheint wirksamer Klimaschutz in ähnlicher Weise eine Neuverteilung von Entwicklungschancen, Machtstrukturen und Wohlstand zu bedeuten. Zumindest scheint Jeder zu befürchten, dass ihm im Vergleich zu anderen Nachteile drohen. Dass in einer solchen Konstellation Einzelinteressen überwiegen und zu den von Ihnen angesprochenen Grabenkämpfen führen, ist zwar hochgradig unvernünftig, scheint mir aber leider menschlich.  Bei aller Diplomatie, die im globalen Gefüge notwendig  ist, scheint es mir daher umso wichtiger, dass Deutschland als Beispiel vorangeht und einen engagierten Klimaschutz vorlebt.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Dr. Meyer für das Interview.

 


Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin), Erhard Renz (sonnenfluesterer.de), Sabine Eva Rädisch (Autorin und Bloggerin), Bart Markus (Wellington Partners), Prof. Volkmar Liebig (avesco Financial Services AG)

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