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Vier Fragen an … Sabine Eva Rädisch, Autorin und Bloggerin

Sabine Eva Rädisch ist Schreibpädagogin, Autorin und Bauingenieurin aus Regensburg. Sie schreibt vor all Prosatexte, veröffentlichte in Zeitschriften und Anthologien und unterhält den Blog Schreiben ist mein Reise. Zusätzlich betreibt Frau Rädisch Schreibwerkstätten. Ihre Ausbildung als Schreibpädagogin absolvierte sie in der Wiener Schreibpädagogik. Ihre Interessensgebiete sind weit aufgestellt, reichen von technischen Fragen, den Erneuerbaren Energien und der Solarthermie, bis zum kreativen Schreiben und spannen einen Bogen zwischen Technik und Literatur.

Sabine Eva Rädisch: "Dass der Anteil Erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung erheblich angestiegen ist, macht es natürlich leichter, aber als Verdienst der schwarz-gelben Regierung sehe ich das nicht. Das EEG ist ja unter Rot-Grün entstanden." (C) Mandy Gutzeit

Milk the Sun: Liebe Frau Rädisch, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Sabine Eva Rädisch: Es hat sich trotz allem viel bewegt. Besonders die Katastrophe von Fukushima hat  die Energiewende wieder zum Top-Thema gemacht, der Atomausstieg bis 2022 ist jetzt beschlossene Sache und acht Reaktorblöcke sind nach dem Moratorium nicht mehr ans Netz gegangen. Dass der Anteil Erneuerbarer Energien an der Stromerzeugung erheblich angestiegen ist, macht es natürlich leichter, aber als Verdienst der schwarz-gelben Regierung sehe ich das nicht. Das EEG ist ja unter Rot-Grün entstanden und hat den Grundstein für eine Förderpolitik gelegt, die jetzt gewissermaßen „zu erfolgreich“ ist – Stromüberschüsse im Sommer und Defizite im Winter, die mit Kohle- und Gaskraftwerken gedeckt werden müssen.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Sabine Eva Rädisch: Große Veränderungen kommen wohl nicht auf uns zu. Was ich realistisch erwarten kann, ist eine Sache – was ich mir wünsche, eine andere: Dass neben dem konsequenten Umstieg auf Erneuerbare auch das Energiesparen mehr in den Fokus rückt. Warum sind beispielsweise Standby-Geräte immer noch erlaubt? Ich könnte mir auch eine Abwrackprämie für alte Haushaltsgeräte vorstellen. Außerdem würde ich mir wünschen, dass das Thema Wärme und Heizen endlich den Stellenwert bekommt, den die Logik verlangt: Mehr als drei Viertel des Energieverbrauchs entfällt auf Wärme und nicht auf Strom! Die gegenwärtigen Bemühungen der Bundesregierung im Bereich Bauen und Wohnen und Mobilität gehen in eine andere Richtung, siehe Effizienzhaus plus. Statt den Stromverbrauch zu minimieren, setzt man auf komplizierte Haustechnik und wandelt Strom in Wärme um – energetisch ist das völlig inkonsequent und es fördert die Abhängigkeit vom öffentlichen Netz: Erst speise ich dezentral erzeugten Strom ins Netz ein und beziehe ihn dann wieder vom Stromversorger…  Wärme aus Solarthermie hingegen kann ich direkt an Ort und Stelle verbrauchen. Ich hoffe, dass Strom- und Wärmeerzeugung aus Sonnenenergie künftig sinnvoll kombiniert zum Einsatz kommen.

Auch wünsche ich mir eine verbesserte Verkehrspolitik. Wenn Elektromobile mit erneuerbarem Strom betrieben werden, bin ich einverstanden. Ich halte das aber eher für eine Nischenlösung. Gerade auf dem Land, wo die Versorgung mit öffentlichen Verkehrsmitteln schlecht ist, bin ich doch wegen der geringen Reichweite mit einem Elektroauto auch schlecht bedient. Und in der Stadt kann ich vielleicht sowieso auf’s (Zweit-)Auto verzichten. Aus meiner Sicht führt langfristig nichts an einem brauchbaren öffentlichen Transportwesen vorbei.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Sabine Eva Rädisch: Ist das wirklich so? Aus meiner Sicht gibt es schon eine breite Palette an Informationsmöglichkeiten in Web und Print, mit deren Hilfe man sich eine sachlich begründete Meinung über die Energiewende bilden kann. Mit unserem Blog www.ecoquent-positions.com wollen wir auch dazu beitragen, vor allem in dem bislang noch unterrepräsentierten Bereich Wärme. Nicht nur im Energiebereich wird es immer wichtiger, aus der Flut von Informationen das Wichtige herauszufiltern und richtig einzuordnen – das ist als Kulturtechnik ebenso wichtig wie das Lesen selbst. In den Schulen gibt es ja bereits Angebote zur Energiebildung und bestenfalls wird auch die Medienkompetenz der Kinder gefördert. Wir Erwachsene sollten Informationen ebenfalls kritisch hinterfragen und nicht nur konsumieren.

Außerdem gibt es inzwischen eine Reihe von Energie(beratungs)agenturen, auch auf kommunaler Ebene, in denen engagierte und informierte Energieexperten tätig sind. Die würde ich gerne noch mehr stärken, hier kann sich jeder und jede einzelne gezielt informieren und beraten lassen. Und es schadet nicht, regelmäßig eine gute überregionale Tages- oder Wochenzeitung zu lesen. Auch wir Bloggerinnen ziehen nicht alle unsere Informationen aus dem Netz, sondern auch aus Printmedien oder aus erster Hand von Experten.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergangen wird?

Sabine Eva Rädisch: Das ist eine philosophische Frage! Natürlich ist das besorgniserregend. Aber aus der Geschichte der Menschheit wissen wir, dass Veränderungsprozesse einfach dauern – nicht nur, weil es an Einsicht und Bewusstsein fehlt, sondern weil es immer auch Kräfte gibt, die von den Problemen profitieren. Das Erdöl wird knapp – der Preis steigt. Schlecht für die Verbraucher, gut für die, die das Öl besitzen oder an der Förderung und Aufbereitung beteiligt sind. Gleichzeitig investieren auch Mineralölkonzerne inzwischen in Erneuerbare Energien – sie wissen, dass hier die Zukunft liegt und wollen auch ein möglichst großes Stück vom Kuchen abhaben. Leider bewegt sich oft erst etwas, wenn Katastrophen passieren – siehe Fukushima –, oder wenn die finanziellen Anreize groß genug sind. Derweil leiden aber schon viele Menschen gerade in den ärmeren Regionen der Welt jetzt schon unter dem Klimawandel. Da stehen wir wohlhabenderen Länder zweifellos in der Pflicht.

 

Wir bedanken uns bei Frau Rädisch für das Interview.

 


Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin), Erhard Renz (sonnenfluesterer.de)

 

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