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Vier Fragen an … Stefan Dietrich von Windwärts Energie | Milk the Sun – Blog

Dr. Stefan Dietrich ist Pressesprecher der Windwärts Energie GmbH. Der promovierte Politikwissenschaftler kümmert sich neben der Pressearbeit auch um den Windwärts Blog, auf dem er vor allem zu firmeneigenen Projekten und Aktionen bloggt. Das internationale Unternehmen Windwärts Energie hat seinen Fokus auf Onshore-Windenergie gelegt.

"Die Bundesregierung und vor allem das zuständige Ministerium sollen sich eingehend mit den vorliegenden Vorschlägen für ein Marktdesign auseinandersetzen, das die erneuerbaren Energien in den Mittelpunkt stellt." - Dr. Stefan Dietrich (c)Photo Windwärts Energie GmbH, Fotograf Mark Mühlhaus attenzione

“Die Bundesregierung und vor allem das zuständige Ministerium sollen sich eingehend mit den vorliegenden Vorschlägen für ein Marktdesign auseinandersetzen, das die erneuerbaren Energien in den Mittelpunkt stellt.” – Dr. Stefan Dietrich (c)Photo Windwärts Energie GmbH, Fotograf Mark Mühlhaus attenzione

Milk the Sun: Lieber Herr Dietrich, nach der Bundestagswahl 2013, den zähen Koalitionsverhandlungen und der Regierungsbildung, wie bewerten Sie das Ergebnis im Gesamten? Wie sehen Ihre Erwartungen an die neue Bundesregierung und vor allem an den neuen Superminister Sigmar Gabriel aus?

Stefan Dietrich: Das Ergebnis ist sicherlich enttäuschend. Das Schlimmste ist, dass überhaupt kein Wille zu erkennen ist, die Energiewende wirklich voranzutreiben. Stattdessen scheint es gerade Sigmar Gabriel vor allem darum zu gehen, die Kohleverstromung zu retten. Anstatt ein intelligentes Strommarktdesign zu erarbeiten, sollen jetzt Kapazitätsmärkte eingeführt werden, und damit eine weitere Subvention für die Kohle. Was wir brauchen, ist eine Flexibilisierung des Systems, aber davon ist bislang von diesem Minister und dieser Regierung nichts zu sehen und zu hören. Und wo die lauthals versprochene Kostensenkung herkommen soll, muss uns Herr Gabriel mal in Ruhe erläutern. Den Zubau an Windenergie zu bremsen kann ja wohl keine Wirkung haben. Wo ist denn zum Beispiel die von der SPD im Wahlkampf noch geforderte Senkung der Stromsteuer geblieben?

Eigentlich erwarte ich nicht viel, aber eines schon: Die Bundesregierung und vor allem das zuständige Ministerium sollen sich eingehend mit den vorliegenden Vorschlägen für ein Marktdesign auseinandersetzen, das die erneuerbaren Energien in den Mittelpunkt stellt. Kurzsichtiges Herumdoktern bringt uns nicht weiter.

Milk the Sun: Das EEG gilt als eine der wichtigsten Baustellen der Energiewende. Was würden Sie sich bei einer Reform des EEG wünschen, beziehungsweise welche Baustelle halten Sie für die Drängendste?

Stefan Dietrich: Ganz klar: Die so genannte „EEG-Umlage“ muss abgeschafft werden! Die Verramschung des Erneuerbaren-Stroms über den Spotmarkt der Strombörse hat nur negative Folgen. Sie sorgt insbesondere dafür, dass Kosten einseitig den Privathaushalten und kleinen und mittleren Unternehmen aufgebürdet werden. Der Strompreis vor allem zu Spitzenlastzeiten sinkt, und die Differenz sehen wir auf der Stromrechnung. Dadurch werden Unternehmen subventioniert, die den Strom an der Börse einkaufen können. Die ganze unselige Kostendebatte ist durch die Einführung des finanziellen Wälzungsmechanismus 2009 erst möglich gewesen (war das vielleicht Absicht?). So ist zwischen 2008 und 2012 die Strommenge aus erneuerbaren Energien um 70 % gestiegen, die Summe der Einspeisevergütungen um 80 % – aber die Umlage um 350 %! Gleichzeitig werden neue und moderne Gaskraftwerke unwirtschaftlich, weil sie über den Energy Only-Markt nicht mehr finanziert werden können. Das heißt, die alten Braunkohle-Meiler laufen und laufen… Wir müssen dringend hin zu einer physischen Wälzung des Stroms in die Bilanzkreise der Energieversorgungsunternehmen.

Milk the Sun: Derzeit werden am Drei-Länder-Eck zwischen Dänemark, Schweden und Deutschland zwei riesige Offshore-Windparks gebaut, die durch den neuen Interkonnektor verbunden sein sollen. Die sogenannte „Kriegers Flak Combined Grid Solution“ soll als ein Pilotprojekt für zukünftige Windkraft-Offshore-Stromnetze dienen. Wie schätzen Sie diese Art von Projekten ein? Können sie einem solchen Führungsanspruch gerecht werden?

Stefan Dietrich: Da wir uns als mittelständisches Unternehmen ausschließlich mit der Onshore-Windenergie beschäftigen, kann ich dazu nichts sagen. Insgesamt sehe ich den Führungsanspruch bei der Energiewende aber eher bei flexiblen und dezentralen Lösungen.

Milk the Sun: Die Branchen rund um die Erneuerbaren Energien sind schon seit langem zu einem ernstzunehmenden weltweiten Wirtschaftszweig angewachsen. Deutschland nahm in diesem Zusammenhang eine Vorreiterrolle ein, insbesondere auf dem Feld der Photovoltaik- und Solartechnologie aber auch bei der Windkraft. Steht zu befürchten, dass sich das in den kommenden vier Jahren ändert und man international von anderen Ländern nicht nur überholt, sondern abgehängt wird?

Stefan Dietrich: Das ist nicht nur zu befürchten, zumindest in der Photovoltaik ist es ja bereits Realität. Es ist schon erstaunlich, mit welcher Nonchalance die Politik Arbeitsplätze gefährdet oder zerstört, wenn es „nur“ um eine Branche geht, die anscheinend vielen Interessenvertretern und Politikern ein Dorn im Auge ist. Was die Windindustrie angeht, bleibt abzuwarten, wie sich die Weltmärkte entwickeln. Ein schwächerer Heimatmarkt ist für die deutschen Hersteller aber sicherlich keine gute Entwicklung.

Was ich aber noch schlimmer finde, ist der offensichtliche politische Wille, eine überwiegend mittelständisch geprägte Branche kaputt zu machen und die Stromversorgung wieder den Konzernen zuzuspielen. Anders ist weder das geplante Auktionsverfahren für erneuerbare Energien zu erklären noch die Frage zu beantworten, warum auch diese Bundesregierung aller selbst angezettelter Kostendebatten zum Trotz so an der Offshore-Windenergie festhält, die Onshore-Windenergie aber beschneidet. Die allem Anschein nach absichtlich herbei geführten Unsicherheiten in den Märkten erhöhen die Risiken und erschweren gerade kleineren Marktteilnehmern die Finanzierung von Projekten.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Dietrich für das Interview.

 

Im Rahmen der Fortsetzung der Interviewreihe „Vier Fragen an …“ stellt der Milk the Sun Blog führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die nationale und internationale Energiepolitik, die Energiewende und  die Reform des EEGs.

Weitere Interviews auf dem Milk the Sun Blog mit Herrn Dr. Stefan Dietrich:

Vier Fragen an … Dr. Stefan Dietrich, Pressesprecher von Windwärts Energie

Vier Fragen an … Dr. Stefan Dietrich, Pressesprecher von Windwärts Energie

Dr. Stefan Dietrich ist der Pressesprecher der Windwärts Energie GmbH. Herr Dietrich ist für die Pressearbeit des Unternehmens zuständig und bloggt auf dem Windwärts Blog vor allem zu firmeneigenen Projekten und Aktionen. Dr. Stefan Dietrich promovierte in Politikwissenschaft. Windwärts Energie ist ein internationales Unternehmen aus dem Feld der erneuerbaren Energien mit einem Fokus auf Wind und Photovoltaikprojekten.

Dr. Dietrich: "Der Wunsch nach einer „sachlichen und logischen Ebene“ der Diskussion erscheint mir ziemlich naiv. Es geht um Politik und damit um Interessen." Quelle: Windwärts Energie GmbH, Fotograf: Mark Mühlhaus/attenzione

Milk the Sun: Lieber Herr Dr. Dietrich, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Dr. Stefan Dietrich: Es ist schon merkwürdig, dass eine Regierung eine „Energiewende“ ausruft, die eigentlich zuständigen Minister aber keine Gelegenheit auslassen, dieses Ziel zu untergraben. Damit haben die Herren Altmaier und Rösler vor allem eine Verunsicherung aller Beteiligten erreicht. Sie haben es gemeinsam mit Lobbyisten und Interessenvertretern geschafft, dass über die – auch und gerade ökonomischen – Vorteile der Umstellung auf erneuerbare Energien kaum noch gesprochen wird und stattdessen eine nicht gerade aufrichtige Debatte über die ach so hohen Strompreise tobt. Das EEG und die EEG-Umlage haben sie Schritt für Schritt zu einem Umverteilungsinstrument zu Gunsten der großen Konzerne und zu Lasten der privaten Stromverbraucher und der kleinen und mittleren Unternehmen gemacht. Aus ihrer Sicht mag das tatsächlich „erfolgreich“ sein. Wer aber an einer nachhaltigen Energieversorgung auch im Interesse nachfolgender Generationen interessiert ist, kann diese Meinung nicht teilen.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Dr. Stefan Dietrich: Auf die neue Regierung wartet eine immense Aufgabe. Wir brauchen ein Strommarktdesign, das die erneuerbaren Energien als Basis hat. Das bedeutet einen Paradigmenwechsel – es geht nicht darum, die Erneuerbaren in einen Markt zu integrieren, der dafür weder gedacht noch geeignet ist, sondern den Markt so zu gestalten, dass die Erneuerbaren mit ihren Besonderheiten im Mittelpunkt stehen. Ideen und Modelle dafür gibt es genug. Wer die aktuellen Debatten verfolgt, stellt sich aber schon die Frage, ob die Politik den Mut und die Kraft dafür hat. Was ich aber zumindest erwarten muss, ist, dass die neue Regierung den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien nicht behindert. Ein Quotenmodell, das die mittelständischen Strukturen der Branche gefährdet und die Konzerne wieder ins Spiel bringen soll, die die Entwicklung bislang verschlafen haben, wäre sicherlich nicht hilfreich.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Dr. Stefan Dietrich: Wenn unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen, dann kommt es zu öffentlich geführten Auseinandersetzungen. Das gehört zu einer freien Gesellschaft dazu. Dass diejenigen lauter sein können, die mehr Ressourcen zur Verfügung haben – und das sind sicher die Gegner des weiteren Ausbaus der Erneuerbaren – ist leider auch Teil des Spiels. Klar gibt es auch in den Medien diejenigen, die viele Behauptungen zu dem Thema kritisch hinterfragen, aber oft scheint es nicht gewollt, sich gegen den Trend zu stellen. Das könnte ich lang und breit bejammern, aber das führt auch zu nichts. Uns bleibt nur, unsere guten Argumente bei jeder sich bietenden Gelegenheit vorzubringen. Der Wunsch nach einer „sachlichen und logischen Ebene“ der Diskussion erscheint mir ziemlich naiv. Es geht um Politik und damit um Interessen. Aber wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, und es gibt zum Glück auch viele Menschen, die sich nicht ins Bockshorn jagen lassen.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezies geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

 

Dr. Stefan Dietrich: Jetzt wird es für mich als Politikwissenschaftler ja besonders interessant, allerdings bräuchte ich dafür eigentlich Hunderte von Seiten Platz. Es kommen auf jeden Fall verschiedene Aspekte zusammen. Da ist zum einen das alte Problem der Umweltpolitik, dass die Auswirkungen zumindest für die Menschen bei uns (noch) nicht wirklich spürbar sind. Anders gesagt: Dass die Mieten steigen, erfahre ich am eigenen Leib, dass der Meeresspiegel steigt, muss mir ein Wissenschaftler erläutern. Das führt dazu, dass für viele Menschen das Thema nicht ganz oben auf der Agenda steht. Dazu kommt, dass unser politisches System nicht gut mit langfristigen Perspektiven zurechtkommt. Politiker wollen alle vier Jahre wiedergewählt werden, und wählen können nur diejenigen, die jetzt leben und mindestens 18 Jahre alt sind. Da ist mit sozialen und wirtschaftlichen Themen meistens mehr an Stimmen zu holen, als mit ökologischen – und nach uns dann die Sintflut (was ja leider durchaus wörtlich genommen werden kann). Darüber hinaus sehe ich eine grundsätzlich strukturkonservative Haltung bei den meisten Menschen (und damit auch Wählern). Uns geht es ja eigentlich gut, was soll ich denn ändern. In Fragen des Umwelt- und Klimaschutzes geht es immer auch um das eigene Verhalten. Welche Form der Mobilität nutze ich, was esse ich – und was bin ich bereit, für die Energiewende selbst zu tun oder auch nur als Veränderung meines Umfeldes zu akzeptieren? Da schwindet die Unterstützung dann oft, und die meisten Politikerinnen und Politiker sind nicht bereit, solche Wahrheiten auszusprechen. Dazu kommt der enorme Druck, den Konzerne und Verbände durch Lobbyarbeit ausüben. Wenn Dinge verändert werden, gibt es immer auch Verlierer. Und wenn diese wie im Fall der Energiewende viel Geld und Einfluss im politischen Bereich haben, dann macht es das nicht einfacher, im Sinne einer zukunftsgerichteten Energiepolitik voranzukommen.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Dr. Dietrich für das Gespräch.

 


Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin), Erhard Renz (sonnenfluesterer.de), Sabine Eva Rädisch (Autorin und Bloggerin), Bart Markus (Wellington Partners), Prof. Volkmar Liebig (avesco Financial Services AG), Dr. Tim Meyer (Grünstromwerk GmbH), Alexander Fehr (Fehrdeal & Energieblogger), Thomas Nasswetter (Ritter Gruppe und Blogger)