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Vier Fragen an … Thorsten Zoerner, Solution Architect und Blogger

Thorsten Zoerner ist ein IT-Spezialist, Solution Architect und Blogger. Er unterhält unter anderem den Blog Stromhaltig.de, der aus der Grundidee eines Projektes für Nachhaltigkeit 2009 entstand und sich mittlerweile zu einer Webseite mit verschiedenen Tools, Wikis und ähnlichem entwickelt hat. Herr Zoerner arbeitete bisher unter anderem für IBM, Verity, Vivisimo und das SAS Institute. Er ist ein leidenschaftlicher Pilot und Mitglied der Energieblogger.

Thorsten Zoernder: „Nach meiner Meinung haben die Medien hier ihr „Bestes“ getan und dazu beigetragen, dass man über einige Teile der Energiewende nur Informationen erhält, die der Qualität einer Bobbycar-Affäre entsprechen. Meldungen werden unkontrolliert übernommen und nicht weiter hinterfragt. Bislang fehlt mir der Daten-Journalismus der Energiewende – und auch die Umsetzung eines gewissen Bildungsauftrages.“

Milk the Sun: Lieber Herr Zoerner, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Thorsten Zoerner: Am Anfang der Legislaturperiode gab es die Bilder mit Frau Merkel vor einem Eisberg im roten Daunenanorak. Der Ausdruck „Klimakanzlerin“ war geboren und zeigt bis heute die Macht der Bilder. Ähnlich des Nobelpreises an Barack Obama vor seiner Amtseinführung, bleiben die Bilder der Kanzlerin im Gedächtnis, nicht aber die tatsächlichen Handlungen. Der Ausstieg aus der Kernenergie und der Einstieg in die Kohleverstromung ist in ihrer klimapolitischen Dimension kaum erfasst. Anstelle die Chance zu nutzen bereits im Jahre 2010 einen klaren Investitionsschutz für die Regenerative Energiequellen zu setzen, werden gerade Investoren seither auf eine harte Probe gestellt. Sollen die Klimaziele der Antrieb sein, dann hätte das Thema Verlässlichkeit eine höhere Priorität bedurft.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Thorsten Zoerner: Verlässlichkeit und weniger Regulierung. Gerade bei den dezentralen Aspekten der Energiewende, zeigt sich, dass der Bürger in seinen Taten und Handlungen wesentlich mehr zur Stabilität und Versorgungssicherheit beiträgt als ihm zugetraut wird.  Wenn es selbst an einigen Tagen im August 2013 nicht möglich ist durch den vorhandenen Großkraftwerkspark den Strombedarf in Deutschland zu decken, dann weiß man, welche Rolle in der Daseinsvorsorge die vielen PV-Anlagen und Windräder bereits heute haben.  Diese Rolle muss für Betreiber und Investoren auch in Zukunft verlässlich ausgestaltet werden.

Kurzfristig erwarte ich daher eine klare Abkehr von dem Versuch einer „Besteuerung“ des Eigenverbrauchs, wie er bislang in den Absichten von CDU/CSU und Bündnis 90/Die Grünen zu finden ist.

Mittelfristig eine Reformierung der Förderungspolitik, die auf Nachhaltigkeit setzt und ähnlich der Markteinführung von Arzneimitteln ihre Wirkung und Verträglichkeit  – auch mit den Klimazielen – unter Beweis stellen muss.

Langfristig – über eine Legislaturperiode hinausgehend – sollten klare Etappenziele der Stromwende erkennbar sein. Ziele die im Jahre 2050 erreicht werden, sind zumindest für mich nach Eintritt ins Rentenalter.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Thorsten Zoerner: Zunächst ist die Frage, wer dafür verantwortlich ist, dass die Diskussion unkonstruktiv  geworden ist. Nach meiner Meinung haben die Medien hier ihr „Bestes“ getan und dazu beigetragen, dass man über einige Teile der Energiewende nur Informationen erhält, die der Qualität einer Bobbycar-Affäre entsprechen. Meldungen werden unkontrolliert übernommen und nicht weiter hinterfragt. Bislang fehlt mir der Daten-Journalismus der Energiewende – und auch die Umsetzung eines gewissen Bildungsauftrages.

Auf der anderen Seite, bin ich mir allerdings auch im klaren, dass gerade die ungeordnete Diskussion zu einem Bewusstsein des viel zu lange „fremdvergebene“ Thema Stromerzeugung führt. Meinung muss sich bilden – und dazu bedarf es Diskussion. Das da manche Aspekte nicht der Logik entsprechen, ist klar.

Schade ist, dass die politischen Redensführer aktuell nicht als Nukleus der Diskussion gesehen werden können. Kommunikation über die Energiewende wird dem Umweltminister auferlegt – die Strippen aber im Wirtschaftsministerium gezogen. Das hat mit einer Vereinfachung der Diskussion leider wenig zu tun.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Thorsten Zoerner: Die Grabenkämpfe gehen weiter, bis es zu einem Ausgleich der kurz- und mittelfristigen Interessen gekommen ist. Das ist eigentlich bei jeder Form der Veränderung normal.  Wenn wir in das Klima investieren, dann verzichten wir heute bewusst auf etwas, dessen Vorteil unbestimmt in der Zukunft liegt. Die entspricht sehr klassisch der wirtschaftlichen Definition von Investition und belegt, dass jeder Investor einzeln überzeugt werden will.  Dieses bedarf einiges an Zeit, Überzeugung und Standfestigkeit.

Die Zustimmung in der Bevölkerung zur Energiewende ist wahrscheinlich auf das langfristige Ziel gerichtet. Der kurzfristige Protest gegen die einzelnen Schritte zeigt, dass zu wenig Interessensausgleich stattgefunden hat.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Zoerner für das Interview.

 


Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger)

 

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