Daniel Peters Posts

Einwurf: Sascha Röber zu den Strafzollen für Photovoltaik-Module

Die vergangenen zehn Jahre kannten die Hersteller von Photovoltaik-Modulen nur eine Richtung: nach oben. Die Welt gierte danach, immer mehr Produktionskapazitäten zur Gewinnung von Sonnenstrom auf Dächer und Äcker zu bringen. Das Know-How kam zu einem großen Teil aus Deutschland, wo die Industrie zum einen die Produktionsmaschinen erfand und baute und zum anderen auch die Produktion der Module selbst übernahm. Ab Mitte des letzten Jahrzehnts ging man dazu über, sein Know-How auch vor allem chinesischen Herstellern zugänglich zu machen. Das erhöhte die Kapazitäten und den Output.

Es folgte, was folgen musste: Einem stürmischen Aufbau folgte eine erste massive Korrektur. Als im ersten Halbjahr 2011 die Hersteller begannen, auf ihrer Produktion sitzenzubleiben, gingen die Modulpreise in den Keller. Innerhalb weniger Monate brachen die Modulpreise um über 40% ein. Kostete das Wp Anfang 2011 bei chinesischen Herstellern noch knapp 1 US$, lag der Preis im Q3 bereits bei unter 60 US-Cent. Auch im darauffolgenden Jahr gaben die Preise nochmals nach, wenn auch nicht mehr so deutlich. Heute zahlt man für chinesische multikristalline Module etwas über 50 US-Cent, für Module aus deutscher Produktion zwischen 15 und 25 Cent mehr. Die Preisunterschiede haben zahlreiche Gründe. Die Investitionsaufwendungen für Produktionskapazitäten sind in Deutschland höher, ebenfalls die Lohn(stück)kosten. Das Zinsniveau für deutsche Produzenten hingegen dürfte z.T. deutlich niedriger sein als das ihrer chinesischen Konkurrenten, denn die Zinssätze in China liegen deutlich über denen des Euro-Raums.

Deutsche Modulhersteller, einst hoch gelobt und zu einem großen Teil im ostdeutschen “Solar Valley” angesiedelt, starben wie die Fliegen, weil sie bei diesem Preisniveau einfach nicht mehr in der Lage waren, wenigstens ihre Fixkosten zu decken. Hersteller wie z.B. Solon gerieten in den Sog der Pleiten. Entweder, weil sie auf ihren Produkten sitzenblieben, die Finanzierungskosten nicht mehr erwirtschafteten oder die massiven Abschreibungen auf Handeslbestände nicht mehr aufbringen konnten.

Die Regierung Merkel reagierte 2012 mit massiven Absenkungen der Einspeisetarife, indem das EEG innerhalb weniger Monate entsprechend geändert wurde. Das Ruder wurde dabei übertrieben stark herumgerissen. Hier rächte sich die Untätigkeit der Regierung in den Vorjahren: Wären die Einspeisevergütungen, wie von vielen Marktakteuren immer wieder in den Jahren zuvor gefordert, sukzessive in kleineren Schritten gesenkt worden, hätten sich Hersteller und Projektierer entsprechend darauf einrichten können. Nun aber stürzte die krasse Absenkung der Vergütungen nicht nur die Hersteller, sondern auch Projektierer in den Abgrund. Da bspw. Freiflächenanlagen mit einer Gesamtleistung von über 10 MWp plötzlich und ohne nachvollziehbare Begründung aus dem EEG-Vergütungsregime vollständig herausfielen, fielen auch Firmen um, die sich auf solare Großprojekte spezialisiert hatten (Bsp. Solarhybrid AG).

Anfang Juni wird also die EU-Kommission darüber entscheiden, ob auf chinesische Module Strafzölle zu zahlen sein werden – nach derzeitigem Kenntnisstand knapp 50% auf den Nettopreis. Damit werden sich polykristalline Komponenten auf einen Schlag auf ca. 75 US-Cent verteuern, was sie also in etwa auf ein Niveau mit Modulen aus europäischer Produktion macht. Toll, mögen da manche jubeln, dann haben sie also keinen Vorteil mehr gegenüber der heimischen Produktion. Das sichert Arbeitsplätze.

Schön wär’s. Die Realität sieht allerdings ganz anders aus.

Die massiven Absenkungen der Einspeisevergütungen im Jahr 2012 führten dazu, dass an der Verwendung chinesischer Module überhaupt kein Weg mehr vorbeiführte. Die schon damals deutlich billigeren Komponenten waren erforderlich, um bei gegebenen Vergütungen und sonstigen Kosten für Modultische, Wechselrichter, Verkabelung usw. (sog. BOS-Kosten) Projekte realisieren zu können, für die sich noch Investoren fanden. Bei einer Renditeerwartung von 6-8% IRR konnten so noch größere Freiflächenanlagen gebaut werden, die auch einen Markt fanden. Die Modulkosten machen bei derzeitigen Preisen in etwa 40-45% der gesamten Kosten aus. Bleiben alle anderen Kosten gleich (wovon auszugehen ist) und ändern sich die Mindestrenditeanforderungen der Investoren nicht (wovon nicht auszugehen ist), sind PV-Projekte bei nun sogar monatlich fallenden Einspeisevergütungen folglich nicht mehr wirtschaftlich realisierbar. Projektierer, die sich rein auf den deutschen Markt spezialisiert haben, werden damit keine Geschäftsgrundlage mehr haben. Ein Ausweichen auf Module europäischer Hersteller ist nicht möglich, da diese die Kosten eines Projektes genau dorthin treiben würden, wohin sie die Strafzölle auf chinesische Module nun hieven werden

Die massive Absenkung der PV-Vergütungen unter dem EEG wurden 2012 mit den stark gefallenen Modulpreisen begründet. Nun werden die Modulpreise starkt steigen, aber die Vergütung fällt jeden Monat weiter. Mit Strafzöllen ist also niemandem gedient. Die chinesischen Modulproduzenten sehen sich längst nach alternativen Märkten um, und vor allem im asiatisch-pazifischen Raum entstehen gerade gewaltige neue Märkte: Japan, Thailand, Malaysia. Europa wird aus deren Sicht überhaupt nicht mehr benötigt. Die Strafzölle werden den chinesischen Herstellern also mittelfristig wohl kaum schaden. Sie werden der chinesischen Regierung jedoch eine exzellente Vorlage für die Auferlegung von Zöllen auf Waren aus Europa bieten. Gerade Deutschland, dessen Export mit China in den vergangenen Jahren von einem Höchststand zum nächsten eilte, wird darunter ganz besonders leiden, während die deutschen Modulhersteller weiter in die Insolvenz gehen werden. Die Strafzölle werden sich also als ein Bommerang für Europa und ganz besonders für Deutschland herausstellen. Und Frank Asbeck, der mit seiner Initiative EU Pro Sun für die Strafzölle auf China-Module an vorderster Front kämpfte, wird seiner Firma Solarworld damit auch nicht aus der finanziellen Klemme helfen können, in der sich das Unternehmen bereits seit Monaten befindet.

Zum Autor: Sascha Röber arbeitet bei einem der größten Entwickler und Projektierer für EE-Projekte in Europa als Bereichsleiter Unternehmensfinanzierung . Die erneuerbaren Energien sind für ihn seit jeher ein wichtiges Anliegen. Sein Beitrag spiegelt ausschließlich seine privaten Meinungen wieder.

Bundesregierung beteiligt sich an Kosten von 160 MW – Anlage in Marokko

Bis 2020 möchte Marokko gemäß seines eigenen Solarplanes 2000 Megawatt Kraftwerkskapazitäten im Land angeschlossen haben. Die deutschen Umwelt- und Entwicklungshilfeministerien übernehmen dabei Kosten von 115 Millionen Euro an einem Photovoltaik-Kraftwerk in Quarzazate.

Marokko möchte massiv auf Photovoltaik setzen. iStockphoto.com©delectus.jpg

Der Bau an der PV-Anlage, die eine Gesamtleistung von 160 Megawatt haben soll, wurde mit einem symbolischen Spatenstich durch den marokkanischen König Mohammed VI. begonnen. Das Ministerium für Umwelt (BMU) sowie das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) beteiligen sich an der Finanzierung des Kraftwerks mit 115 Millionen Euro.

Für die Eigenkapitaleinlage der staatlichen Agentur für Solarenergie Marokkos stellt das Umweltministerium einen Zuschuss von 15 Millionen Euro, bereits gestellt durch die KfW Entwicklungsbank, zur Verfügung, so das Ministerium. 100 Millionen Euro aus der Sonderfazilität „Initiative für Klima- und Umweltschutz“ steuert das BMZ über zinsverbillige Darlehen bei. Auch die Weltbank, die afrikanische Entwicklungsbank, die Europäische Investitionsbank, die französische Entwicklungsbank und die Europäische Kommission gehören zu den Geldgebern. Die Bundesregierung wird sich über die kommenden Jahren hinweg mit weiteren 650 Millionen Euro am Ausbau der Photovoltaik in Marokko beteiligen.

Das Umweltministerium verweist darauf, dass die Bundesregierung bereits seit 30 Jahren im Energiesektor unterstützend tätig ist und Impulsgeber im Bereich erneuerbare Energien ist. Marokko möchte bis 2020 über die Hälfte seiner Energieversorgung, auch mit weiterem Zubau von Windenergie, aus erneuerbaren Energien decken.

Quelle: pv-magazine.de

Sebastopol, Kalifornien: Solarmodule auf Neubauten zukünftig Pflicht

Der Solarmarkt in den US tut sich schwer, richtig in die Gänge zu kommen. Dennoch finden sich immer wieder positive Meldungen in den Zeitungen und Medien der Vereinigten Staaten. Dass die Energiewende auf regionaler Ebene durchstarten kann, zeigt die Stadt Sebastopol in der kalifornischen Region Sonoma County. Die Stadt in der für ihren Weinanbau bekannten Region  ist die zweite Stadt Kaliforniens, die ihren Bürgern vorschreibt, dass neue Häuser zwangsweise mit Solarmodulen zur Stromproduktion versehen werden müssen.

In Sebastopol bald verpflichtend: Solaranlagen auf Neubauten. © iStockphoto.com

Das 8000 Einwohner große Sebastopol gilt als liberale Hochburg. Der dortige Stadtrat entschied bei einer Abstimmung am Dienstag, dass zukünftig sowohl Wohngebäude als auch kommerzielle Gebäude ihre Dachflächen für Solaranlagen zu nutzen haben. Die Systeme müssen zwei Watt pro Quadratmeter der Baufläche oder 75 Prozent der jährlichen elektrischen Last des Gebäudes produzieren.

Bei Gebäuden, bei denen eine Solaranlage nicht praktikabel erscheint (so z.B. auf verschatteten Bauflächen), können neue Gebäude entweder auf alternative Nachhaltige Möglichkeiten ausweichen, oder sich über eine Gebühr freikaufen.

Vor zwei Monaten erst hatte sich auch die als konservativ geltende Stadt Lancaster ein ähnliches Programm verabschiedet. Dass sich zwei Städte, die sowohl klimatisch als auch demografisch gesehen, auf diesen gemeinsamen Weg einigen können, zeigt, welche Attraktivität der Solarenergie mittlerweile. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die dritte Stadt folgt.

Quelle: grist.org

Agora Energiewende: Tool zur Errechnung der EEG-Umlage

Das Öko-Institut hat im Auftrag der Agora Energiewende einen EEG-Rechner entwickelt, mit sich die Höhe der EEG-Umlage für die Jahre bis 2017 errechnen lässt. Das von der Stiftung Mercator und der European Clomate Foundation getragene Denklabor will damit zur Transparenz in der energiepolitischen Debatte beitragen.

Berechnung der EEG-Umlage: Agora Energiewende stellt Tool zur Verfügung. Stockphoto.com©Ulrich Knaupe

Zusätzlich gibt das Tool über Diagramme Aufschluss über die Verteilung der Zahlungsströme sowie die Zusammensetzung der Vergütungssummen. Dem Nutzer stehen außerdem eine Vielzahl von Szenarien für den energiepolitischen wie auch energiewirtschaftlichen zur Verfügung sowie Szenarien der Ausbaugeschwindigkeit der Erneuerbaren Energien in den kommenden Jahren. Verändert und angepasst werden können in dem Tool so die Angaben der jährlichen Zubauzahlen, die Höhe des Börsenstrompreises, das Ausmaß der Umlagebefreiung für Großverbraucher (Privilegierung) oder die Höhe der Einspeisevergütung für Anlagenbetreiber.

Um eine allgemeine Benutzerfreundlichkeit zu gewähren, besitzt das Tool sowohl einem etwas vereinfachten Modus mit sinnvoll vordefinierten Szenaren als auch einen komplexeren Modus für Experten, in dem alle Annahmen einzeln und individuell modifiziert werden können.

Das Tool zum Download gibt es bei der Agora Energiewende.

 

UK: Photovoltaik-Zubau über 500 MW im ersten Quartal

Der Photovoltaik-Markt im Vereinigten Königreich sorgt wieder für Schlagzeigen. Photovoltaik-Anlagen mit einer Leistung von 500 MW wurden im ersten Quartal des aktuellen Jahres in Betrieb genommen, was zehn Prozent des weltweiten Zubaus entspricht.

Photovoltaik ist wieder einThema im Vereinigten Königreich. iStockphoto.com©Simon-Owler.jpg

Folglich übertraf der UK-Markt auch die Marke von 2 GW installierter Gesamtleistung. Bereits 2012 konnte mit einem Zubau von 779 MW als gutes Jahr gesehen werden. Solarbuzz gibt an, dass 11,3 Prozent der produzierten Elektrizität in UK im vergangenen Jahr aus erneuerbaren Energiequellen entstanden. Derzeit durchläuft der Markt eine neue Blütezeit. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit zeigen aber, dass es sich um eine weitere Aufschwung-Phase handeln könnte, auf die Phase des Abschwungs folgt.

Grob gesehen könnte man die Entwicklung des britischen PV-Marktes in vier Phasen unterteilen. Einer Phase des langsamen Wachstums noch ohne Einspeisevergütungen (Feed-in-Tariffs, FiT) folgte 2011 der Aufschwung mit den ersten FiT. Diesem Boom folgte eine erste kleine Abschwung-Phase aufgrund von Kürzungen der FiTs, in der auch neue Finanzierungsmodelle erarbeitet und entwickelt wurden. Durch das Renewable Obligiation Certificates (ROC) – Programm (eine Art Grünstromzertifikat) wurde der Bau von vor allem neuen Freiflächen-Anlagen angestoßen. Dennoch waren die meisten Installationen auch in diesem Jahr Dachanlagen.

Der große Aufschwung der Freiflächen-Anlagen folgte dann aber im ersten Quartal 2013 und sorgte für spektakuläre Zahlen, die den britischen Photovoltaik-Markt wieder zu einer internationalen Hausnummer machen. Mit dem 31. März jedoch wurde die Unterstützung durch das ROC-Programm erneut reduziert, sodass der Markt Gefahr läuft, wieder in eine Phase des Abschwungs zu geraten, bis hin zum vollständigen Stillstand.

Um diesem „Auf- und Abschwung“-Trend entgegen zu wirken, fordern viele Experten und Unternehmen für Neuregelungen der FiTs, um Wachstum dauerhaft zu fördern. Ob der Markt damit dauerhaft aus dem bekannten Muster ausbrechen könnte, ist aber fraglich.

Die Britische Photovoltaik-Organisation und Solarplaza werden dieses und weitere Themen auf ihrer vierten „The Solar Future: UK“-Konferenz am 16. Juli in London behandeln.

Quelle: Solarplaza

EU: Ab 6. Juni wohl Strafzölle auf chinesische Solarmodule

Laut der Nachrichtenagentur Reuters wird der EU-Handelskommissar vorschlagen, den Import von Solarmodulen aus China mit Strafzöllen zu belegen. Der protektionistische Vorstoß könnte auch die chinesische Regierung in Peking verärgern.

 

Strafzölle für Europa? Die EU-Kommission wird bald eine Entscheidung treffen. iStockphoto.com©scibak

Der aktuelle Fall ist schon seit Beginn ein heikles Thema für Brüssel. Einerseits ist Europa darauf bedacht, seine eigenen Hersteller wie SolarWorld gegen Billig-Importe zu schützen, andererseits ist China als zweitgrößter Handelspartner der EU aber auch wichtig, um dem Staatenverbund aus der Rezession zu verhelfen.

Von Karel de Gucht erwartet man, dass er seinen Kollegen in der EU-Kommission am Mittwoch vorschlägt, dass Brüssel die Zölle erheben sollte um sich vor der Produktion der Chinesen zu schützen, die sich zwischen 2009 und 2011 vervierfacht hat und den derzeitigen weltweiten Bedarf übersteigt.

Mehr als 80 Prozent des europäischen Marktes werden, so Hersteller aus der EU, derzeit von Chinesischen Unternehmen kontrolliert. Vor einigen Jahren, und deshalb wohl sieht sich die Europäische Kommission zum Handeln gezwungen, war der chinesische Anteil nur knapp über Null. Laut IHS entfielen im letzten Jahr etwa 50 Prozent des  weltweiten Solarmarktes auf Europa mit einem Gesamtwert von 77 Mrd. $.

De Gucht geht von einem klaren Fall von Dumping auf dem EU-Markt aus. Es wird als sehr wahrscheinlich erachtet, dass sein Vorschlag bei seinen europäischen Kollegen angenommen wird, womit provisorische Zölle ab dem 6. Juni Gültigkeit hätten.

Experten und Diplomaten gehen von Zöllen in Höhe von ca. 30% aus, was den Export für China deutlich unattraktiver werden lassen würde. Derzeit sind chinesische Module im Schnitt etwa 45 Prozent günstiger als solche aus europäischer Produktion.

Von einem Kommentar zur aktuellen Situation sah die EU-Kommission ab

Quelle: Reuters

 

Kirsten Hasberg, Energy Democracy TV, im Interview: “Wir sehen ein Energiewende-Bashing”

Energy Democracy TV heißt das große Projekt, dem sich Kirsten Hasberg seit einiger Zeit widmet. Es soll „The world’s first crowdpublished magazine app on the decentralized, community owned energy transition” werden. Auf Deutsch etwa: “Die erste Magazin-App über die dezentralisierte, der Allgemeinheit gehörenden Energiewende“. Nur das Wort crowdpublished fehlt in dieser Übersetzung irgendwie. Deshalb sprach Milk the Sun mit Kirsten Hasberg. Über das Projekt, über den Ansporn dahinter, und wie jeder von uns am Energy Democracy TV teilhaben kann.

Milk the Sun: Sehr geehrte Frau Hasberg, was verbirgt sich hinter Energy Democracy TV? Und, was bedeutet das Wort „crowdpublished“ in diesem Zusammenhang?

Hasberg: Die Einleitung stimmt – Energy Democracy TV ist das digitale Magazin zur Energiewende – von Energiewendern, für Energiewender, weltweit! Crowdpublishing heißt, dass das Magazin von den Menschen erstellt wird, die schon weltweit die Energiewende vorantreiben. Dabei sind Videoinhalte genauso wesentlich wie Text- und Graphikinhalte – daher das „TV“. Wir wollen die Geschichten der wahren Helden der Energiewende ans Tageslicht bringen, und so Veränderungen weltweit anregen.

Milk the Sun: Derzeit reißen sich die Medien geradezu um Themen der Energiewende. Wozu braucht es denn Ihre App? Was wird dadurch anders in der Berichterstattung darüber?

Hasberg: Vielleicht die deutschsprachigen Medien, ja. Das macht aber die Berichterstattung nicht unbedingt besser! Leider sehen wir immer wieder, wie große Medienhäuser die dezentrale Energiewende in ein schlechtes Licht stellen, indem sie fälschliche Informationen verbreiten – und dies resultiert dann in öffentlicher Meinungsbildung und letztlich in politischem Handeln, dass sich auf falschen Annahmen basiert – wie z.B. der Strompreisgipfel ein Resultat der medialen Debatte über Erneuerbare Energien als Preistreiber der Strompreise war. Dabei verhält es sich genau umgekehrt – dafür braucht es aber ein Minimum an volkswirtschaftlicher Einsicht. Gerade diese Einsicht an ein nicht-fach-publikum zu vermitteln wäre die Aufgabe von Journalisten – anstatt dessen sehen wir aber ein „Energiewende-Bashing“, wo Halbwahrheiten verbreitet werden.

Dies liegt wahrscheinlich auch daran, dass die Geschäftsmodelle der großen Medienhäuser bröckeln, und es bei Journalisten längst nicht mehr die Zeit und Muße gibt, um wirklich tief in Themen einzutauchen. Heute brauchen wir nicht mehr drauf zu warten, dass die großen Herausgeber die Botschaft verstehen – wir werden einfach selber Herausgeber! Die Energierevolution und die digitale Revolution sind also eng verwoben! Unsere Gesellschaft basiert sich auf Wissen – und aus meiner Sicht können nur neue Medien mit neuen Geschäftsmodellen wie Energy Democracy TV  weiterhin sichern, dass Medien nicht Halbwissen verbreiten.

Milk the Sun: Wie ist denn die Situation außerhalb des deutschsprachigen Raums?

In den USA, wo ich gerade unterwegs bin um die Crowdfunding-Kampagne für Energy Democracy TV zu verbreiten, laufen gerade die Debatten über die Keystone Pipeline und Fracking auf hochtouren – auch in New York State gibt es Fracking-Pläne –  obwohl für New York gerade eine Stanford-Studie veröffentlicht worden ist, wie der Bundestaat zu 100 % von erneuerbaren Energien versorgt werden kann.  Ich habe hier erlebt, wie die Argumente der Energiedemokratie gut ankommen und wie viele die deutsche Entwicklung im Bereich der erneuerbaren Energien beneiden. Aber viele Menschen haben einfach die Hoffnung verloren, dass dies auch in den USA möglich wäre – sie brauchen erneute Hoffnung und gute Vorbilder.

Dies zeigt: Es reicht nicht, dass wir das Wissen haben, dass wir Studien erstellen – diese müssen auch in einer Art und Weise kommuniziert werden, die Menschen anspricht!

Genau da kommt Energy Democracy ins Bild: Das digitale Magazin wird nicht nur aus Text- und Graphikinhalte bestehen, wie im Printformat, sondern auch Videos – und die sind hervorragend dazu geeignet, ein visuell ansprechendes Thema wie die Energiewende zu kommunizieren. Im Gegensatz zu Print ist es auch weltweit verfügbar – auf dem Tablet, dem Smartphone oder auf dem Computerschirm. Überall erwartet den Leser ein einladendes Magazindesign – kostenlos!

Milk the Sun: Wie kam es zu der Idee? Welchen Ansporn haben Sie?

Hasberg: Ich bin in Dänemark geboren und aufgewachsen, und habe mich schon sehr früh für erneuerbare Energien interessiert – schon mit 14 habe ich ein Praktikum im Bereich der Solarenergie gemacht. Ich habe auch früh für mich erkannt, dass es nicht an der Technologie, sondern an der Umsetzung hapert. Deshalb habe ich Volkswirtschaft studiert – denn Volkswirte weltweit waren und sind einer der größten Barrieren der Energiewende! Auf Grundlage von falschen Annahmen rechnen sie vor, warum sich die Energiewende nicht lohnt. Um diese Argumente zurückweisen zu können, habe ich selber Volkswirtschaft studiert – denn Volkswirte diskutieren gern mit einander, respektieren aber volkswirtschaftliche Argumente von nicht-Ökonomen eher weniger.

Der entscheidende Punkt, um selber ein Unternehmen zu gründen, war der Tod von Hermann Scheer 2010. Ich hatte für Ihn gearbeitet und er war ein großes Vorbild und Inspirator für mich. Er hat mit seiner Arbeit die Entwicklung nicht nur in Deutschland, sondern weltweit geprägt. Von ihm stammt auch der Begriff der Energiedemokratie – er hat die Energiewende immer als ein weltweites Friedensprojekt gesehen, sein Interesse für erneuerbare Energien kam aus der Friedensbewegung. Sein Ansatz war global und parlamentarisch – die Energiewende ist ein Thema für alle Parteien und Ideologien. Auf diese Grundlage möchte ich mit den Mitteln der digitalen Revolution weiterbauen. Die Idee von Energy Democracy TV hat sich über zwei Jahre zu dem entwickelt, was sie heute ist: Ein globales kostenloses, digitales Magazin über die Demokratisierung unserer Energieversorgung,  von Energiewendern, für Energiewender – und die, die es werden wollen!

Milk the Sun: Wer kann alles mitwirken? Und wie?

Hasberg: Im Augenblick läuft unsere Crowdfunding-Kampagne auf Indiegogo, der größten internationalen Crowdfunding-Plattform. Crowdfunding heißt, dass Menschen weltweit finanziell zur Verwirklichung von den vorgestellten Projekten beitragen können. Als Gegenleistung werden verschiedene Geschenke angeboten – bei uns kann man unter anderem aufs Titelblatt der Erstausgabe gelangen oder Videostar im Magazin werden – wir produzieren dann ein Video, dass in der Erstausgabe erscheint. Dieses Angebot ist besonders für Unternehmen und andere Organisationen interessant, die gerade die Videokommunikation für sich entdecken und ein Video für Ihre Homepage brauchen. Wir liefern ein Video – und die internationale Vermarktung gleich mit!

Wer die Kampagne mit 50 USD oder mehr unterstützt, wird eingeladen, mit Inhalten für die erste Ausgabe beizutragen. Über www.energydemocracy.tv gelangen Sie direkt auf unsere Kampagnenseite, und können mit jedem Betrag dabei sein.

Zusammen mit meinem Co-Redakteur Craig Morris, ein deutsch-amerikanischer Freiburger, der einer der führenden englischsprachigen Energiejournalisten und unter anderem der Hauptautor von www.energytransition.de ist, werden wir die Beiträge redaktionell übersehen und dafür sorgen, dass durch jedes Magazin ein roter Faden läuft und die Inhalte qualitätssichern – redaktionelle Arbeit eben!

Ziel ist es, ein Backend zu entwickeln, wo es auch richtig Spaß macht, als Autor dabei zu sein, und wo Autoren in der Erstellung von Beiträgen Hilfestellung bekommen – ob Video, Graphiken oder Text. Geil,Danke!, unsere Berliner Partner in der Softwareentwicklung, arbeiten schon daran.  Dann kann grundsätzlich jeder Beiträge einstellen, wobei Beiträge von Unternehmen als Anzeigen eingestuft und gegen Entgelt aufgenommen werden – das ist das Geschäftsmodell.  Die Beiträge werden unter einer Creative Commons-Licens publiziert – das heißt, das wir uns re-publizierung in anderen Medien mit Quellenangabe erwünscht sind! So können wir das Magazin – und vor allem die Kernbotschaft der dezentralen Energiewende – weltweit verbreiten. Ich bin aber davon überzeugt, dass das Lesevergnügen von Energy Democracy dafür sorgt, dass Energiewender weltweit das Magazin kostenlos abonnieren und genießen werden!

Milk the Sun: Welche großen Grundprobleme sehen Sie derzeit im Zusammenhang mit der Energiewende aus politischer wie auch aus wirtschaftlicher Sicht?

Hasberg: Die Fokussierung auf sogenannt „alternativlose“ Lösungen. Schon der Begriff „alternativlos“ versetzt Menschen in einen passiven, apathischen Zustand. Man bekommt das Gefühl: Unsere Meinung, unser Handeln zählt nicht und kann nichts beeinflussen. Deshalb geht es mir mit Energy Democracy TV auch darum, Menschen Hoffnung zu machen. Wir können tatsächlich die Energiewende selbst in die Hand nehmen und so die Welt verändern!

Ein Problem ist, dass wir in den Ländern, die international als Vorreiter gelten – wie Deutschland und Dänemark – immer wieder Rückschläge erleben. 2013 ist in Deutschland ein spannendes Jahr – doch wie wollen wir weltweit die Erfolgsgeschichte der deutschen, dezentralen Energiewende erzählen, wenn sie von der deutschen Politik gekappt wird? Der Kampf um die Energiewende ist also noch lange nicht gewonnen und wird sich in Deutschland auf die Bundestagswahlen hin noch verschärfen.

Das Magazin „The Atlantic“ hatte diese Woche ein Titelblatt mit dem Text „We will never run out of oil“ – und dazu der Untertext, dass dies gut für die USA sei. Das es weit besser für die USA wäre, eine wahre Energiewende weg von den fossilen und nuklearen Energien und hin zu den erneuerbaren zu vollziehen, wird nicht in Erwägung gezogen.

Es liegt also noch viel Überzeugungsarbeit vor uns.

Milk the Sun: Warum gehört die Energiewende Ihrer Meinung nach der Allgemeinheit?

Hasberg: Im Grunde haben sich die Geschäftsmodelle der fossilen und nukleare Energien nur gelohnt, weil die wahren Kosten der Allgemeinheit überlassen wurden. Es wird Zeit, dass wir eine Energieversorgung erschaffen, dessen Vorteile der Allgemeinheit zufallen, nicht nur die Kosten!

In Deutschland sind die Begriffe Bürgerenergiewende, Energiegenossenschaften und regionale Wertschöpfung schon im allgemeinen Sprachgebrauch – diesen Bewusstseinswandel wollen wir global vorantreiben. Alle Leser sind herzlich eingeladen, auf www.energydemocracy.tv dabei zu sein!

Wir bedanken uns bei Kirsten Hasberg für das Gespräch.