Vier Fragen an… Stephan Günther, Redaktionsleiter Energieheld

Vier Fragen an… Stephan Günther, Redaktionsleiter Energieheld

Stephan Günther ist Leiter der Redaktion auf www.energieheld.de. Die Energieheld GmbH aus Hannover informiert auf ihrem Web-Portal über Themen der energetischen Gebäudesanierung (Heizung, Solar, Fenster, Dämmung, Dach). Ihr Ziel ist es, die Bürger unabhängig von Marken und Herstellern zu informieren und zu beraten und die dezentrale Energiewende in Deutschland mit voran zu bringen. In unserem “Vier Fragen an…” Interview hat er uns ausgiebig Rede und Antwort über die aktuelle Situation der Energiewende und der dahinter stehenden Energiepolitik gestanden.

 

Milk the Sun: Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel hat jüngst den Gesetzesentwurf zur EEG-Novelle verabschiedet. Dieser besagt unter anderem, dass Energie-Selbstversorger stärker mit der Ökostrom-Umlage belastet werden und die Einspeisevergütung für Photovoltaik-Anlagen weiter sinkt. Auf der anderen Seite sollen aber weiterhin 1.600 stromintensive Industrie-Unternehmen von der EEG-Umlage befreit werden. Schaufelt die Regierung mit diesem Widerspruch selbst das Grab für die Energiewende?

 

Vier Fragen an... Stephan Günther, Energieheld

“Durch die Energiewende wird eine neue Industrie geschaffen, die die lokale Industrie stärkt und vor allem auch als Exportgut in andere Länder dienen wird. Neben der ökologischen Notwendigkeit ergeben sich so also durch die Energiewende gerade mittel- und langfristig auch erhebliche, ökonomische Chancen.”

Stephan Günther: Vielleicht nicht gleich das Grab, aber es ist der klassische Fall einer Ausbremsung der Energiewende. Letztlich geht es in der Politik ja immer um Interessenvertretung. Welche Interessen das sind, beziehungsweise wie stark die einzelnen Interessen vertreten werden, liegt an den jeweiligen politischen Entscheidern.

Dass die stromintensive Industrie teilweise von der EEG-Umlage befreit wird, häng, zumindest offiziell, unter anderem mit den daran gebundenen Arbeitsplätzen und der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie zusammen. Man kann also sagen, dass dies eine Form der Industrie-Subventionierung ist. Hier werden durch die Politik wirtschaftliche Interessen höher als die Ziele der Energiewende gestellt. Derartige Gesetzes-Novellierungen dienen der Entschleunigung der Energiewende. Im konkreten Fall zielt Herr Gabriel primär darauf ab, den weiteren Zubau von PV-Anlagen zu verlangsamen, indem dieser wirtschaftlich uninteressanter gemacht wird. Hintergrund dieser Strategie ist, dass a) die Strompreise möglichst stabil gehalten werden sollen für die Endverbraucher, und das geht nur über zusätzliche Einnahmen bei den Leuten, die bisher am meisten von der EEG Umlage profitiert haben (Eigenheimbesitzer mit PV-Anlage) und b) mehr Zeit für den Netzausbau benötigt wird und das insbesondere im Hinblick darauf, wer hier die Kosten für den Ausbau tragen soll. Problem ist dabei, dass durch einen weiteren Zubau von dezentralen Energiequellen mit schwankender Stromeinspeisung und regionalen Clustern die Netzstabilität gefährdet ist. Ein Ausbau der Stromnetze ist unumgänglich um die Energie, zum einen von aus den ländlichen Regionen in die Ballungszentren zu transportieren und zum anderen, um der schwankenden Stromeinspeisung Herr zu werden.

Ich persönlich bin der Meinung, dass die Energiewende eine Thematik ist, welcher besondere politische Beachtung geschenkt werden sollte.

 

Milk the Sun: Verbraucherschützer und die Solarbranche wollen gegen die Ökostrom-Reform der Bundesregierung vor dem Bundesverfassungsgericht klagen. Es gebe erhebliche Anhaltspunkte dafür, dass die geplante Abgabe für Supermärkte oder größere Privathaushalte, die sich selbst mit Solarstrom versorgen, gegen das Grundgesetz verstößt. Was hätte ein positives Urteil im Sinne der Ankläger für einen Effekt auf die Energiewende und die im internationalen Wettbewerb stehende Wirtschaft, die stromintensiven Industrie-Unternehmen?

 

Stephan Günther: Der Effekt auf die Energiewende: Stromerzeugung aus überwiegend erneuerbaren Energien könnte schneller erreicht werden, da ein Zubau nicht verlangsamt wird. PV-Großprojekte sind eine sehr gute Möglichkeit, die dezentrale Energieproduktion aus regenerativen Quellen zu ermöglichen. Wir von Energieheld können den Unmut über die Ökostrom-Reform verstehen. Wieso sollen nun die Menschen zur Kasse gebeten werden, die entsprechend den gesetzlichen Rahmenbedinungen die Energiewende vorangetrieben haben und auf dieser Basis eine Investitionsentscheidung getroffen haben?

Würde ein Urteil positiv im Sinne der Ankläger ausfallen, dann müsste die Regierung das aktuelle Problem der Energiewende an der Wurzel anpacken und das liegt beim Investitionsstau im Netzausbau sowie der Forschung und dem Ausbau von Speichertechnologien. Die aktuelle Politik ist ein Handeln entgegen der gesteckten Ziele der Energiewende. Mit der angestrebten Reform können die Ziele der Stromerzeugung aus erneuerbaren bis 2050 nicht erreicht werden. Und schaut man sich einmal aktuelle Umfragen um, so ist die Mehrheit der Bundesbürger weiterhin für die Energiewende.

Die Politiker als Stimmenoptimierer sehen sich aktuell dem Problem der zu hohen Kosten gegenüber. Wie sollen die Investitionen für die weitere Energiewende gestemmt werden? Ich sehe in der Verkomplizierung der EEG Umlage aber nicht die Lösung. Und Schon gar nicht in der Belastung der Energie-Selbstversorger.

Was die lokale Wirtschaft angeht, so würde sich eine Möglichkeit auftun, an selbstproduzierten, und damit günstigen Strom zu gelangen. Größere Dachflächen mit PV-Anlagen zu bebauen ist eine gute Kapitalanlage mit einer nicht zu verachtenden Rendite. Zudem wäre für die entsprechenden Supermärkte eine derartige Photovoltaikanlage sicher auch ein Imagegewinn.

Für die Wirtschaft im internationalen Wettbewerb ergibt sich durch die Energiewende natürlich schon eine Verteuerung des Stroms und der Produktionskosten. Aber die Energiewende gibt es eben nicht zum Nulltarif. Zunächst kostet eine Änderung immer etwas. Mittelfristig lässt sich durch das Know-how und die Technik, welche durch die Energiewende in Deutschland geschaffen wird, eine sehr hohe internationale Wettbewerbsfähigkeit schaffen und in Bezug auf die Stromerzeugung irgendwann auch eine Kosteneffizienz, die die herkömmliche Stromerzeugung bei Weitem übertrifft.

Durch die Energiewende wird eine neue Industrie geschaffen, die die lokale Industrie stärkt und vor allem auch als Exportgut in andere Länder dienen wird. Neben der ökologischen Notwendigkeit ergeben sich so also durch die Energiewende gerade mittel- und langfristig auch erhebliche, ökonomische Chancen.

 

Milk the Sun: Deutschland droht, die hoch gesteckten Klimaziele der 40-prozentigen Reduzierung der Treibhausgase bis 2020 zu verfehlen. Bundesumweltministerin Barbara Hendricks plant nun  ein „Aktionsprogramm Klimaschutz 2020“. Ministerien und Wirtschaft sollen Maßnahmen vorstellen, um das Ziel doch noch erreichen zu können. Wie könnten solche Maßnahmen aussehen – und ist das Ziel überhaupt noch realisierbar?

 

Stephan Günther: Was mir immer wieder stark auffällt, ist der starke Fokus auf die Stromproduktion. Sowohl in der Politik, aber auch in den Medien. Man liest sehr viel über Stromproduktion, AKWs, Ökostrom, Photovoltaik, etc. Jedoch sind die Klimaziele an die CO2-Emission gekoppelt und diese werden auch durch den Verkehr, die Industrie und im privaten Haushalt erzeugt, also nicht nur durch die Stromproduktion. Auf diese Bereiche sollte ebenfalls Energie gelenkt werden.

Wie solche Maßnahmen aussehen können?

Der Gebäudesektor sollte nicht vernachlässigt werden. Die Energieeinsparverordnung, kurz EnEV genannt, wurde gerade erst am 01.05.2014 novelliert. Darin werden die einzuhaltenden bautechnischen Standardanforderungen für Gebäude festgelegt. Zum Beispiel, dass Dachflächenfenster über einen U-Wert von mindestens 1,40 W/(m²K)  verfügen müssen. Dieser U-Wert legt quasi fest, wie stark die Wärmedämmung des Fensters ist. Bei energieeffizienteren Gebäuden ist der Wärmeverlust geringer und damit auch der Bedarf an Heizenergie, meist in Form von Öl und Gas. Somit lässt sich durch energieeffizientere Gebäude viel CO2-Emission einsparen. Um die Ziele der Bundesregierung bis 2020 zu erreichen, greifen die EnEV-Anforderungen nicht weit genug.

Sind die Klimaziele überhaupt noch realisierbar?

Das Erreichen wird momentan natürlich nicht gerade wahrscheinlicher. Dennoch können, rein theoretisch, drastischere Maßnahmen durchgesetzt werden, durch welche die Ziele greifbarer werden. So verfügen über 1 Mio. Bestandsgebäude noch nicht mal über eine Dämmung des Daches bzw. der obersten Geschossdecke – und diese ist in 90% der Fälle kostengünstig über eine Einblasdämmung realisierbar, die sich innerhalb weniger Jahre amortisiert. Ich denke jedoch nicht, dass die Politik hier in Zukunft für mehr Umsetzungsdruck sorgen wird.

 

Milk the Sun: Zuletzt bitten wir Sie um einen Ausblick in die Zukunft. Steht die Energiewende wirklich kurz vor dem Aus? Und kann es einen Mittelweg oder gar eine ganz andere Alternative geben, mit dem die Regierung sowohl die Bürger als auch stromintensive Industrie-Unternehmen zufriedenstellt und somit ein Fortbestehen der Energiewende möglich macht?

 

Stephan Günther: Zunächst einmal: Es wurde ja schon viel erreicht. Um auch mal das Positive zu nennen: Wir haben momentan einen Anteil am Stromverbrauch aus erneuerbaren Energien von ca. 25 Prozent. Das ist ja schon einmal nicht schlecht. Bestimmte Gebäudestandards müssen heute bereits eingehalten werden. Das EEWärmeG gibt vor, dass in Neubauten eine Produktion von 15 Prozent des eigenen Wärmebedarfs aus erneuerbaren Energien (Solarthermie etc.) erzeugt werden muss. Man kann dies auch umgehen, indem das Gebäude über 15 Prozent der Mindestdämmung hinaus gedämmt wird. Hier ist vieles möglich, Abwärmenutzung oder Kraftwärmekopplung, etc. Wir stehen also nicht mehr bei null.

Aber es gibt viel zu tun. Vor allem die Wichtigkeit der Energiewende muss erkannt werden. Im Grunde ist diese alternativlos. Die Schäden des Klimawandels sind sichtbar, Wissenschaftler warnen quasi jeden Tag vor den Folgen der Erderwärmung. Ständig sind Klimagipfel und Tagungen, die Analysen sind umfassend und alle sind sich einig, dass der Klimawandel existiert und negative Folgen für uns hat. Jetzt hat hoffentlich jeder das Bild von dem Eisbären, der auf der wegtauenden Eisscholle balanciert, vor Augen. Das wir in wenigen Generationen fasst alle fossilen Rohstoffe des Planeten verheizen, muss eben Folgen haben und es ist nicht so, als hätte uns niemand gewarnt.

Nun stellt sich die Frage, wie man damit umgeht. Werden die Erkenntnisse und Warnungen akzeptiert? Was tun wir also dagegen? Versucht man den Klimawandel durch die Energiewende zu beschränken? Und wenn ja, wie schnell wollen wir dies umsetzten?

Letztlich ist ja alles eine Rechenfrage. Die Umstellung auf erneuerbare Energien und höherer Energieeffizienz bis zum Jahre 2030 kostet die Welt, Rechnungen zufolge etwa 100.000 Milliarden USD. Das beibehalten von atomaren und fossilen Energien kostet JÄHRLICH etwa 6.500 Milliarden USD. In 16 Jahren hätte man also denselben Preis bezahlt. Hätte jedoch nichts geändert. Laut IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) könnte bis zum Jahre 2050 bis zu 77 Prozent der Energie aus regenerativen Quellen erzeugt werden.

Das Zufriedenstellen von so vielen verschiedenen Interessensverbänden und Unternehmen ist nahezu unmöglich. Mit der oben dargestellten Rechnung, der Mehrheit der Bundesbürger im Rücken und dem Bewusstsein darüber, das wir, Deutschland, als Vorreiter für eine grüne und energieeffiziente Zukunft stehen können, sollte als Mittel zum Zweck reichen, um einigen Industriebetrieben auf die Füße zu treten.

Die Energiewende erreichen:

Meiner Meinung nach sind wir gerade etwas unter dem „Mittelweg“ – wenn man so will – stromintensive Industrien werden zu Kosten der Energiewende geschont. Nach Umfragen von 2013 halten 93 Prozent der Deutschen den Ausbau der Erneuerbaren Energien für wichtig bis sehr wichtig. Und die Energiewende wird kommen, nur eben sehr, sehr langsam. Hoffentlich noch rechtzeitig…

 

Wir bedanken uns bei Herrn Stephan Günther für das Interview.

 

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Im Rahmen der Fortsetzung der Interviewreihe „Vier Fragen an …“ stellt der Milk the Sun-Blog führenden Köpfen aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die nationale und internationale Energiepolitik, die Energiewende und  die Reform des EEGs.

Manuel Gonzalez Fernandez

Manuel Gonzalez Fernandez, 28, Journalist, PR-Manager und Blogredakteur bei Milk the Sun. >>I’d put my money on the sun and solar energy. What a source of power! I hope we don’t have to wait until oil and coal run out before we tackle that.<< - Thomas Edison

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