Vier Fragen an… Dr. Tim Meyer, Geschäftsführer und Gründungsgesellschafter der Grünstromwerk GmbH

Dr. Tim Meyer ist Gründungsgesellschafter und Geschäftsführer der Grünstromwerk GmbH. Er besitzt über 17 Jahre Erfahrung in Technologie und Marketing für erneuerbare Energien. Nach Promotion und später Abteilungsleitung am Fraunhofer ISE in Freiburg, hat er mit Schwerpunkt Photovoltaik Führungsfunktionen in den Bereichen Projektentwicklung und –finanzierung, O&M, Marketing und Technologie ausgefüllt. Grünstromwerk ist bundesweit der erste Energieversorger und Dienstleister mit Spezialisierung auf Solarstrom und dezentrale Versorgungslösungen. Das Unternehmen hat es sich zur Aufgabe gemacht, erneuerbare Energien nachhaltig und eigenständig in den Energiemarkt zu integrieren.

„Für die erneuerbaren Energien und allen voran die Photovoltaik ist es wichtig, sich nicht nur auf Perspektiven im Strommarkt, d.h. im Großhandel zu fixieren. Ihre Chancen liegen in regionalen und dezentralen Lösungen.“ – Dr. Tim Meyer

Milk the Sun: Lieber Herr Dr. Meyer, nach der Bundestagswahl 2013, den zähen Koalitionsverhandlungen und der Regierungsbildung, wie bewerten Sie das Ergebnis im Gesamten? Wie sehen Ihre Erwartungen an die neue Bundesregierung und vor allem an den neuen Superminister Sigmar Gabriel aus?

Dr. Tim Meyer: Herr Gabriel muss eine positive Vision für die Energiewende vorlegen und diese dann engagiert umsetzen. Kernfragen sollten sein: Wie soll die Balance aus zentralen und dezentralen Strukturen eingestellt werden? Wie sollen die erneuerbaren Energien dynamisch ausgebaut und gleichzeitig zunehmend in den Markt integriert werden? Wie wird eine breite Beteiligungsmöglichkeit der Menschen gesichert, Stichwort Bürgerenergiewende?  Das kürzlich vom Bundeswirtschaftsminister vorgelegte Eckpunktepapier bietet hier nichts an. Es steht unter der alleinigen Überschrift Kostensenkung. Und diese wird vom Papier nicht einmal geliefert. Gleichzeitig werden bestehende dezentrale Ansätze nicht berücksichtigt oder sogar abgewürgt.

Milk the Sun: Die Kohlekraft ist in Deutschland so stark wie in den letzten 20 Jahren nicht mehr. Wie schätzen Sie perspektivisch die Chancen der Erneuerbaren Energien auf den Strommarkt in Konkurrenz zu den traditionellen und etablierten Energieformen ein?

Dr. Tim Meyer: Die Kohlekraft profitiert heute davon, dass der europäische CO2-Markt am Boden liegt. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. Für die erneuerbaren Energien und allen voran die Photovoltaik ist es jedoch wichtig, sich nicht nur auf Perspektiven im Strommarkt, d.h. im Großhandel zu fixieren. Ihre Chancen liegen in regionalen und dezentralen Lösungen. Die vor-Ort-Produktion von Solarstrom und die regionale Belieferung von Endkunden mit neuartigen Ökostromtarifen bietet Betreibern und Kunden zusätzlichen Mehrwert, den man an der Strombörse nicht abbilden kann: Senkung von Netzkosten, Möglichkeit zur regionalen Wertschöpfung, Bürgerbeteiligung und Kundenbindung etc. Wir integrieren heute schon Solarstrom für ca. 10 ct/kWh anteilig in wettbewerbsfähige Ökostromprodukte!

Milk the Sun: Derzeit werden am Drei-Länder-Eck zwischen Dänemark, Schweden und Deutschland zwei riesige Offshore-Windparks gebaut, die durch den neuen Interkonnektor verbunden sein sollen. Die sogenannte „Kriegers Flak Combined Grid Solution“ soll als ein Pilotprojekt für zukünftige Windkraft-Offshore-Stromnetze dienen. Wie schätzen Sie diese Art von Projekten ein? Können sie einem solchen Führungsanspruch gerecht werden?

Dr. Tim Meyer: Als Anhänger einer möglichst dezentralen Energiewende und einer Energiewende in Bürgerhand bin ich gegenüber der off-shore Windenergie grundsätzlich kritisch. Viele Studien zeigen, dass langfristig ein gewisser Anteil off-shore im deutschen Stromerzeugungsportfolio sinnvoll sein kann. Mein Eindruck ist jedoch, dass die derzeitige großzügige Gestaltung des Ausbaus eher eine Konzession an große Stromkonzerne ist. Diese haben die Energiewende über zwei Jahrzehnte verschlafen und profitieren am meisten von Investitionen in milliardenschwere Einzelprojekte.

Milk the Sun: Abschließend hätten wir von Ihnen gerne eine Prognose für das Jahr 2014. Wie wird der Markt für EE am Ende des Jahres in Deutschland und der Welt aussehen? Wer werden die Gewinner und Verlierer sein?

Dr. Tim Meyer: Wenn Herr Gabriel seine Pläne nicht anpasst, wird in Deutschland gerade die dezentrale Energiewende in Bürgerhand der große Verlierer sein. Die geplante starke Belastung von PV-Eigenverbrauch, Ausschreibungsmodelle für Freiflächenanlagen bei Abschaffung von Einspeisetarifen für die Freifläche, Abschaffung des solaren Grünstromprivilegs…insbesondere der Markt für gewerbliche PV-Anlagen würde weiter einbrechen. Installateure, Energiegenossenschaften und andere regionale Akteure würden verlieren. Großunternehmen und Konzerne würden gewinnen auf Kosten mittelständischer Strukturen. Weltweit scheint der Trend ein anderer. Die aktuell gemeldeten Zubauzahlen für Photovoltaik in China zwischen 12-14 GW zeigen, dass global das Wachstum der erneuerbaren Energien nicht mehr aufzuhalten ist.

Wir bedanken uns bei Herrn Dr. Meyer für das Interview.

 

Im Rahmen der Fortsetzung der Interviewreihe „Vier Fragen an …“ stellt der milk the sun blog führenden Köpfen aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die nationale und internationale Energiepolitik, die Energiewende und  die Reform des EEGs.

Weitere Interviews mit Herrn Dr. Meyer aus der “Vier Fragen an…”-Reihe:

Vier Fragen an… Dr. Tim Meyer

Manuel Gonzalez Fernandez

Manuel Gonzalez Fernandez, 28, Journalist, PR-Manager und Blogredakteur bei Milk the Sun. >>I’d put my money on the sun and solar energy. What a source of power! I hope we don’t have to wait until oil and coal run out before we tackle that.<< - Thomas Edison

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