Vier Fragen an … Benjamin Reuter, Journalist | Milk the Sun – Blog

Als freier Journalist schreibt Benjamin Reuter für die WirtschaftsWoche und die ZEIT. Für das Nachhaltigkeitsportal WiWo-Green schreibt Herr Reuter regelmäßig über die entscheidenden Themen rund um die Komplexe Energiewende und Klimawandels.

"Während Deutschland auf die Bremse tritt, gibt der Rest der Welt richtig Gas." - Benjamin Reuter

„Während Deutschland auf die Bremse tritt, gibt der Rest der Welt richtig Gas.“ – Benjamin Reuter

Milk the Sun: Lieber Herr Reuter, nach der Bundestagswahl 2013, den zähen Koalitionsverhandlungen und der Regierungsbildung, wie bewerten Sie das Ergebnis im Gesamten? Wie sehen Ihre Erwartungen an die neue Bundesregierung und vor allem an den neuen Superminister Sigmar Gabriel aus?

Benjamin Reuter: Herr Gabriel hat ja inzwischen erste Vorschläge öffentlich gemacht, wie er eine Energiewendereform gestalten will. Ohne ins Detail zu gehen, sind sie doch ein erster guter Anfang. Denn ein weiter steigender Strompreis hilft niemandem. Wenn Gabriel es schafft, den Anstieg zu bremsen und die Kosten der Wende auf mehr Schultern zu verteilen (Stichwort Industrieprivileg und Eigenverbrauch) ist das nur gut. Sicher muss man bei Details wie dem Selbstvermarktungszwang und der Drosselung des Ausbaus nochmal schauen, was die ökonomischen Folgen sind – im Positiven wie im Negativen. Ein Problem sieht man aber jetzt schon: Dem Kohleboom in Deutschland wird die Reform nicht stoppen. Da müsste die Politik aber unbedingt ran, um die Energiewende auch für das Klima zum Erfolg zu machen.

Milk the Sun: Die Kohlekraft ist in Deutschland so stark wie in den letzten 20 Jahren nicht mehr. Wie schätzen Sie perspektivisch die Chancen der Erneuerbaren Energien auf den Strommarkt in Konkurrenz zu den traditionellen und etablierten Energieformen ein?

Benjamin Reuter: Die Antwort, wie man einen funktionierenden Strommarkt um Erneuerbare herum baut, kennt derzeit wohl noch niemand. Denn wie schafft man einen Markt für etwas, das keine oder kaum laufende Kosten hat, wie eine Kilowattstunde Sonnenstrom? Stand heute und ohne Einspeisevorrang würde die billige Kohlekraft den teureren Grünstrom immer noch aus dem Netz halten. Sind Erneuerbare in einigen Jahren günstiger als Kohle, fliegt sie wiederum aus dem System. Dann müsste man sich aber um die Reservekapazität oder um Speicher Gedanken machen. Erdgas kommt in beiden Fällen unter die Räder. Man sieht: Da sind noch viele Fragen offen.

Milk the Sun: Die Branchen rund um die Erneuerbaren Energien sind schon seit langem zu einem ernstzunehmenden weltweiten Wirtschaftszweig angewachsen. Deutschland nahm in diesem Zusammenhang eine Vorreiterrolle ein, insbesondere auf dem Feld der Photovoltaik- und Solartechnologie aber auch bei der Windkraft. Steht zu befürchten, dass sich das in den kommenden vier Jahren ändert und man international von anderen Ländern nicht nur überholt, sondern abgehängt wird?

Benjamin Reuter: Auf dem Feld der PV ist das ja schon passiert. Windanlagen sind natürlich nicht so leicht zu transportieren, dennoch sind chinesische Anbieter im Anmarsch. Aber wie immer: Konkurrenz belebt das Geschäft. Wäre China nicht gewesen, wäre PV heute noch viel teurer.

Milk the Sun: Abschließend hätten wir von Ihnen gerne eine Prognose für das Jahr 2014. Wie wird der Markt für EE am Ende des Jahres in Deutschland und der Welt aussehen? Wer werden die Gewinner und Verlierer sein?

Benjamin Reuter: Erneuerbare werden überall auf der Welt stark zulegen. Das gilt für Wind und Solar. Treiber ist hier zuvorderst China, dann auch die USA und Japan. Aber auch Indien hat große Pläne was Solar angeht und der Nahe Osten sowieso (Stichwort Saudi Arabien). Um die Zukunft der Industrie muss man sich also keine Sorgen machen. In Deutschland wird, wenn Gabriel seinen Willen bekommt, der Ausbau etwas gebremst. Die Hersteller wird das nicht interessieren, weil anderswo ihre Technologien gefragter sind als je zuvor. Während Deutschland also auf die Bremse tritt, gibt der Rest der Welt richtig Gas. Aber vielleicht tut uns eine Verschnaufpause auch ganz gut, um mit kühlem Kopf die zweite Phase der Energiewende anzugehen. Verlierer gibt es in dem Szenario nicht: Denn weniger Kohle oder Öl verbrauchen wir, Deutschland und die Welt, trotz des Booms bei den Erneuerbaren nicht.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Reuter für das Interview.

 

Im Rahmen der Fortsetzung der Interviewreihe „Vier Fragen an …“ stellt der Milk the Sun Blog führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die nationale und internationale Energiepolitik, die Energiewende und  die Reform des EEGs.

Weitere Interviews auf dem Milk the Sun Blog mit Herrn Benjamin Reuter:

Vier Fragen an … Benjamin Reuter, freier Journalist

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