Klimaschutz Posts

Vier Fragen an … Kilian Rüfer, Leiter von SUSTAINMENT

Kilian Rüfer leitet die Netzwerk-Agentur SUSTAINMENT. Das Unternehmen gründete Herr Rüfer bereits 2005 während seines Studiums. Zusätzlich unterhält Herr Rüfer einen Blog, auf dem er über die Fragen rund um die Themen Nachhaltigkeit, den Wegen ihrer Kommunikation und den Energiesystemwandel schreibt. Zudem ist Herr Rüfer einer der führenden deutschen Energieblogger.

Kilian Rüfer:

Milk the Sun: Lieber Herr Rüfer, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Kilian Rüfer: Es gab Erfolge während der Legislaturperiode der derzeitigen Bundesregierung. Im Energiekonzept der Bundesregierung wurden die richtigen (Minimal)-Ziele gesetzt. Leider hat man es nicht geschafft, diese eigenen Ziele mit einer konsistenten Politik zu verfolgen. Die Ausbauraten erneuerbarer Energien sind sehr erfolgreich gewesen, jedoch sind im Umlagemechanismus einseitige hausgemachte Abwälzungen auf Verbraucher erfolgt.

Der Einschnitt in die Photovoltaik-Förderung war zu stark – auch wenn ich eine kleinere Anpassung mit Augenmaß durchaus nachvollziehbar gefunden hätte. Bei den Themen Netzausbau und Effizienz hat die Bundesregierung auf ganzer Linie versagt. Es gelang nicht, den Emissionshandel durch Verknappung von Zertifikation zu entlasten. Ebenfalls wurden europäische CO2-Grenzwerte im Verkehrssektor verhindert. Es werden zu viele neue Kohlekraftwerke angeschlossen und gebaut – was für Jahrzehnte Fakten schaffen dürfte. In 2012 sind laut UBA die Treibhausgasemissionen um 1,6 Prozent gestiegen. Was ich ernsthaft vorwerfe ist, dass zugelassen wurde, dass man die Inhalte des Klimaschutzes ausgeklammert hat.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Kilian Rüfer: Wer auch immer den Job machen muss, ich wünsche mir, dass aus den Fehlern die richtigen Lehren gezogen werden. Die Energiewende ist ein starker Veränderungsprozess. Dabei muss man den Verantwortlichen Fehler zugestehen: Es ist schon ein Ritt auf des Messers Klinge, wenn sich potentielle Verlierer mit aller Macht aufbäumen und knappe Haushalte sowie starke Verschuldung die Tage prägen – irgendwann aber muss Mut zur Veränderung ins Spiel kommen. Mit einer kongruenten Energiewende ließen sich so enorme Chancen für die Bundesrepublik eröffnen. Ich wünsche mir den Klimaschutz zurück auf die Agenda. Es wäre gut, wenn Anreize für Lastmanagement, Infrastruktur und Energieeffizienz Hand in Hand mit der Anschubfinanzierung erneuerbarer Energien gehen würden. Bei einer Weiterentwicklung des EEG wünsche ich mir Investitionssicherheit, eine Quellenvielfalt damit weiterhin noch mehr kleine und mittlere Investoren zu Energiebürgern werden. Was das Sparen betrifft, sollten die stillen und verdeckten umweltschädlichen Subventionen abgebaut werden. Die Ärmsten im Lande müssen entlastet werden, um Energiearmut zu verhindern.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Kilian Rüfer: Ich sehe auf zwei Ebenen Handlungsbedarf. Hinter den Kulissen und in den Medien. In den Gremien, die durch Interessensvertreter besetzt werden, sollten alle sitzen die betroffen sind. Heute finden die Industrie und die alte Energielobby am meisten Gehör und stille Gesprächsplätze – manchmal darf ein Feigenblatt-Öko-Lobbyist etwas sagen. Zum Thema Energie müssten alte Energielobby, erneuerbare Energielobby, Energieeffizienzlobby, Arbeitnehmerlobby, Verbraucherlobby und Naturschutzlobby etwas sagen dürfen. Ebenfalls würden scharfe Transparenzregeln für Fairness sorgen. Es muss sichtbar sein, wer von wem bezahlt wird. Es gibt zu viele Rochaden zwischen politischen Ämtern und Aufgaben in großen Lobbys und Unternehmen – solche Dinge müssen durch die Presse und Öffentlichkeit bewertet werden können. Der Staat muss wieder eine gestaltende Aufgabe übernehmen.

Auf der Medienebene ist es ebenfalls sehr komplex und kann mehr die Akzeptanz beeinflussen, als aufrichtig zu informieren. Sachlichkeit ist da ein frommer Wunsch, denn entschieden, gewählt und gekauft wird auf der unbewusst emotionalen Ebene. Das Buhlen um die Aufmerksamkeit und die Stimulierung von Verhalten ist ein essentielles Geschäft, welches manchmal zu stark mit der Presse verquickt ist. Seit dem Internet haben immer mehr klassische Medien wirtschaftliche Schwierigkeiten, was PR-Agenturen in die Hände spielt und zu schlechten Recherchen führt. Der Einfluss auf Redaktionen prägt Meinungen, was selbst bei öffentlich-rechtlichen eine Rolle spielt. Im Internet können fleißige, wie wir Energieblogger, dem Komplex einen Tropfen Grasroots-Information entgegen setzen. Niemand wird in einem freien Land diese Kampagnen verhindern können.

Vielleicht sind Bildung und Aufklärung ein Weg, immerhin können mit ihr die Einflüsse abgeschwächt werden. Eine schnelle Lösung für die aktuelle Situation habe ich nicht – ich finde die Bestärkung im Mut zum selber denken gut. Auch eine hervorragende Aufklärungskampagne würde in eine Richtung gefärbt sein. Wichtig ist, dem Einzelnen klar zu machen, was es mit einem selbst heute, morgen und übermorgen zu tun hat.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Kilian Rüfer: Der Hirnforscher Gerhard Roth identifiziert als innere Entscheidungsträger die tiefen inneren Impulse – demnach ist die rational-denkende Entscheidung eine Utopie. Wenn tatsächlich fast alles unbewusst geschieht, werden Schuldzuweisungen absurd. Wenn man sich betroffen fühlt wird man aktiv. Also müssen die abstrakten Probleme in eine anfassbare persönliche Ebene übersetzt werden. Nachhaltigkeitskommunikation ist chancenlos, wenn diese nicht auf die ureigenen persönlichen Motive eingeht und das neuronale Belohnungssystem anspringt. Wenn jemand das Ganze erhalten will, spielt ein Verbundenheitsgefühl eine wichtige Rolle. „Ich und die Anderen“ ist falsch. „Wir“ ist richtig. In der Problemanalyse kommen Zeitzyklen ins Spiel: Ein wirtschaftliches oder vier gewählte Jahre reichen nicht aus, um einen Lösungspfad wie die Energiewende zu beschreiten, der z.B. 20 Jahre dauert. Wir müssen Wachstum neu definieren. In Paul Gildings Buch „Die Klimakrise wird alles ändern – und zwar zum Besseren“ beschreibt er einen Evolutionssprung aus der akuten Not heraus, durch den die Menschheit zu schnellen Anstrengungen motiviert wird – es wäre schön wenn seine These stimmt. Ich denke es lohnt sich Grundlagen zu schaffen, mit denen sich die Menschen selbst retten könnten.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Rüfer für das Interview.

 


Im Rahmen der Interviewreihe „Vier Fragen an …“ stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG)

 

Bürgerbeteiligung am Klimakonzept in Baden-Württemberg

Das Land Baden-Württemberg ruft die Öffentlichkeit dazu auf, Maßnahmen zum Klimaschutz zu bewerten und damit Anteil an der Entwicklung des IEEK („Integriertes Energie- und Klimakonzept“) zu nehmen. Der von den Fachabteilungen der Landesministerien und externen Sachverständigen entwickelte Entwurf beinhaltet Ziele, Strategien und Maßnahmen zum Erreichen der Energiewende.

„Die Neuausrichtung der Energie- und Klimaschutzpolitik ist eine Generationenaufgabe, bei der wir – vielleicht auch über schwierige Zeiten hinweg – den eingeschlagenen Weg nicht verlassen dürfen. Nur so werden wir am Ende auch da ankommen wo wir hin wollen“, so der Minister für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft des Landes Baden-Württemberg, Franz Untersteller, in der offiziellen Broschüre des BEKO (Bürger- und Öffentlichkeitsbeteiligung am integrierten Energie- und Klimaschutzkonzept).

Die 110 Maßnahmen können noch bis zum 1. Februar 2013 Online eingesehen, bewertet und kommentiert werden. Zudem können neue Vorschläge eingebracht werden. Baden-Württemberg möchte bis 2020 die Treibhausemission um 25 Prozent reduzieren, bis 2050 sogar um 90 Prozent.

Die Maßnahmen sind aufgeteilt in die Themenbereiche Stromversorgung/ Private Haushalte/ Industrie/ Gewere/ Handel/ Dienstleistung/ Verkehr/ Öffentliche Hand/ Land- und Forstwirtschaft, Landnutzung und beinhalten Fragen zur Weiterentwicklung der regenerativen Energiegewinnung z.B. durch Windräder und PV-Anlagen, aber auch zur Förderung von wirtschaftlichen Synergieeffektförderungen, CO2-armen Verkehrsmöglichkeiten (Radverkehr, Elektromobile) oder ökologischem Landbau.

Weitere Informationen sowie den genauen Fortgang des Beteiligungsverfahrens gibt es im Informationsschreiben zum BEKO.

Quelle: BEKO Baden-Württemberg

Milk the Sun wird Teil des Inkubations-Programms des Climate-KIC

Milk the Sun wird im Rahmen des Inkubations-Programms des Climate-KIC (Knowledge and Innovation Community) gefördert. Damit unterstützt die vom Europäischen Institut für Innovation und Technologie (EIT) initiierte Wissens- und Innovationsgemeinschaft die Dienstleistungen von Milk the Sun rund um die Photovoltaik und deren Einfluss auf den Klimawandel.

PhotovoltaikDer Climate-KIC hat es sich zur Aufgabe gesetzt, den weltweiten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel im Sinne von nachhaltiger und klimaverträglicher Wirtschaft voranzutreiben sowie Innovationen für das Klima durch Firmen, Jobs und Know-How zu stärken. Milk the Sun wird damit Teil eines Netzwerkes aus Partnern des Climate-KIC, das sich aus europäischen Forschungseinrichtungen, Universitäten, Regierungen und Unternehmen zusammensetzt, die im Bereich des Klimawandels agieren.

Als Anbieter des ersten Marktplatzes für den europaweiten Handel von Photovoltaik-Projektrechten (Erstmarkt) und installierten PV-Anlagen (Zweitmarkt) sowie Dienstleistungen rund um Photovoltaikanlagen steht das Geschäftskonzept von Milk the Sun GmbH mit Sitz in Berlin für Nachhaltigkeit und umweltfreundliche Stromgewinnung im Sinne der Energiewende.

Keine Info mehr verpassen!

Hat Ihnen unser Artikel gefallen? Dann melden Sie sich für unseren Newsletter an und verpassen Sie keine Info mehr.

Daten werden vertraulich behandelt.