Energiewende Posts

Globale Erwärmung: Wird Obama doch noch zum Klimaschützer?

US-Präsident Barack Obama kündigte in einer Rede am Dienstag Schritte zur Reduzierung der von den USA ausgehenden Umweltbelastungen an. Der CO2-Ausstoß soll reduziert und die Globale Erwärmung abgeschwächt werden. Für seine geplanten Gesetze ist der Präsident nicht auf das Wohlwollen der Republikaner angewiesen.

Auf einer Rede an der Georgetown University kündigte Obama Schritte zur Eindämmung der globalen Erwärmung an iStockphoto.com©studyoritim

Bereits vor seiner Rede am Dienstag in der Georgetown Universität vor den Toren Washington DCs musste US-Präsident Barack Obama klar gewesen sein, dass die Republikaner und die Industrie seine Pläne kritisieren und im günstigsten Fall boykottieren werden. Damit würde sich wiederholen, was Obamas bisherige Amtszeit ebenso begleitet wie der ewige Kampf gegen den Terror und die damit Verbundenen Einschränkungen gegenüber der Bevölkerung. Alles wäre beim alten gewesen.

Doch an diesem heißen Junitag, auf diesem historischen Boden; Lincoln hatte bereits hier gestanden, kündigte Obama an, dass er nun endlich die globale Erwärmung eindämmen wollen würde. Die Forderung den Worten endlich Taten folgen zu lassen, war dann auch der zentrale Punkt in Obamas  Rede, die gespickt war von Symbolik, nicht nur bedingt durch ihren Ort, sondern vor allem auch durch Obamas Bezüge auf Kennedy – Hatte sein Besuch in Berlin ein derart großen Eindruck auf den Präsidenten gemacht?

Der CO2-Ausstoß solle reduziert werden, insbesondere jener von Kohlekraftwerken. Immerhin produzieren diese momentan rund 40% der von den USA ausgestoßenen Treibhausgase. Obama fordert von seiner Umweltbehörde EPA die Etablierung neuer Standards, deren Einführung der Präsident aber wohl nicht mehr als Amtsinhaber erleben wird. Schließlich hat er nur noch knappe drei Jahre und die Ausarbeitung solcher neuer Standards kostet Zeit, Zeit die Obama eigentlich nicht hat.

Der Präsident will scheinbar nachholen, was er in den letzten fünf Jahren nicht geschafft hat. Stattdessen wurde seine Agenda dominiert von Themen wie der Wirtschaftskrise, einer von vielen zu Unrecht gehassten Gesundheitsreform und dem Anti-Terror-Kampf, in dem ständig die Gefahr besteht die Fundamente der eigenen Rechtsstaatlichkeit zu zersetzen, von den us-internen Widerständen der ewig Gestrigen einmal abgesehen. Doch seit Januar dieses Jahres hat Obama den Umweltschutz wieder auf dem Programm.

Obamas Glück ist, dass er dieses Mal seine Entscheidungen gänzlich ohne das alles blockierende Parlament treffen kann. Er benötigt nicht die Zustimmung des Kongress. Der sie ihm schon aus Prinzip verweigert hätte. Schließlich ist die offizielle Parteilinie der Republikaner, Obama mit allen Mitteln zu blockieren. Konkret würde die Anti-Obama-Fraktion dieses Mal gegen folgende Punkte hemmen:

– Die Begrenzung der Emission von Kohlekraftwerken
– Die geplante Versorgung von 6 Mio. Haushalten mit Wind- und Solarenergie bis 2020 durch die Steigerung von grüner Energie auf regierungseigenem Land
– Die Förderung der in den USA als sauber geltenden Atomkraft (nach 30 Jahren wird in den USA aktuell das erste neue AKW gebaut)
– Die Kopplung der Entscheidung über den Bau der Keystone Riesenpipeline von Kanada nach Mexico an den damit verbundenen, zu erwartenden Anstieg des Ausstoßes von Treibhausgasen
– Die erstmalige Einführung von Standards für den Benzinverbrauch von Lkw, sowie die Einschränkung der Energieverschwendung von Haushalten, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen zum Beispiel durch Isolierungen und energiesparende Lichtquellen
– Neue Vereinbarung zum Klimaschutz mit den internationalen Partnern der USA, insbesondere nach dem gescheiterten Klimagipfel in Kopenhagen

Präsident Obama will wieder Klimaschützer sein. Das ist für den Rest der Welt wünschenswert. Doch es bleibt abzuwarten, ob ihm dieses Mal nicht wieder etwas dazwischen gerät. Es gäbe derzeit genug, was ihn straucheln lassen könnte.

Quelle: spiegel-online

Cem Özdemir im Interview: „Es geht nicht darum, die erneuerbaren Energien an den Markt anzupassen, sondern der Markt muss auf die erneuerbaren Energien ausgerichtet werden.“

Seit 2008 ist Cem Özdemir Bundesvorsitzender der Grünen. Der im schwäbischen Bad Urach geborene Politiker nimmt im Gespräch mit Milk the Sun Stellung zur gescheiterten Reform des Emissionshandels, zum Ausbau der Erneuerbaren Energien in Deutschland und zu den Zielen der Grünen für die Zukunft der deutschen Energiepolitik.

Der Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, auf einer Pressekonferenz am 4. Juni 2010 in Berlin. (Photo by Steffen Kugler/Getty Images)

Milk The Sun: Herr Özdemir, die Reform des Emissionshandels ist durch die EU verhindert worden. Welchen Einfluss hat das auf die deutsche wie auch europäische Klima- und Umweltpolitik?

Özdemir: Konservative und Liberale haben im Europäischen Parlament die dringend erforderliche Reparatur des europäischen Emissionshandels gestoppt. Nicht einmal den Minischritt eines Backloading, also einer kurzfristigen Verknappung von Emissionsberechtigungen, wollten die Parteifreunde der deutschen Regierungsfraktionen mitgehen. Damit bleibt das zentrale Instrument der EU-Klimapolitik auf absehbare Zeit ohne Wirkung. Der Preis für Verschmutzungsrechte ist auf rund 3 Euro je Tonne CO2 eingebrochen – das ist viel zu wenig, um Anreize für Investitionen in saubere Technologien zu setzen.

Die Folgen sehen wir schon jetzt: Die Braunkohle boomt, während hocheffiziente Gaskraftwerke stillstehen. Die deutschen CO2-Emissionen steigen wieder an. Auch die EEG-Umlage steigt, weil Wind- und Sonnenstrom mehr Unterstützung brauchen, um mit der künstlich verbilligten Kohle konkurrieren zu können. Dem Energie- und Klimafonds der Bundesregierung fehlen Milliarden, die für die Finanzierung der Energiewende und den internationalen Klimaschutz eingeplant waren.

Für den Niedergang des Emissionshandels trägt Bundeskanzlerin Merkel maßgebliche Verantwortung. Bundeswirtschaftsminister Rösler hat die Emissionshandels-Reform offen bekämpft.

Wir Grünen treten ein für die überfällige Anhebung des EU-Klimaziels auf mindestens 30 Prozent Emissionsminderung bis 2020. Wir wollen eine deutliche Verknappung der Verschmutzungsrechte, um das Überangebot an Zertifikaten dauerhaft aus dem Markt zu nehmen. Und wir wollen eine grundlegende Reform des Emissionshandels, die auch die Einschränkung der Zufuhr billiger und ökologisch fraglicher Zertifikate aus China und Indien einschließt.

Milk the Sun: Strompreisbremse, EEG 2.0, Netzausbau – die Energiepolitik in Deutschland steht am Scheidepunkt. Welche Hebel kann die Politik ansetzen, damit die Energiewende weiter geht und gelingt?

Özdemir: Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ist der Motor der Energiewende. Es bietet Investoren Sicherheit und hat hunderttausende Privathaushalte und Landwirte zu Stromerzeugern gemacht

Allerdings hat die schwarz-gelbe Bundesregierung während ihrer Regierungszeit ausufernde  Ausnahmen von der EEG- Umlage für industrielle Großunternehmen verteilt. Das belastet vor allem die BürgerInnen sowie klein- und mittelständische Unternehmen. Wir wollen das EEG von unnötigen Kosten befreien und die Lasten fair zwischen allen Stromverbrauchern aufteilen. Der Erfolg der Erneuerbaren Energien hat alle in seiner Geschwindigkeit überrascht. Das EEG muss an die veränderten Herausforderungen angepasst werden: Die Vergütungssätze und Boni müssen konsequent auf den Prüfstand, um überzogene Renditen zulasten der Stromverbraucherinnen und -verbraucher zu verhindern und für alle Beteiligen mehr Transparenz zu schaffen. Strom aus Biomasse, Wasserkraft oder Geothermie soll künftig bedarfsorientiert zum Ausgleich schwankender Wind- und Solarstromerzeugung produziert werden. Die Vergütung soll sich künftig daher aus zwei Bestandteilen zusammensetzen – einem Festpreis und einem variablen, am Marktpreis orientierten Anteil.

Wir müssen jedoch auch über die Gestaltung des gesamten Strommarktdesign nachdenken. Der bestehende Strommarkt ist für die Vergütung von Wind- und Sonnenstrom gänzlich ungeeignet und bietet schon heute keine hinreichenden Anreize zur Schaffung benötigter Erzeugungskapazitäten mehr. Gleichzeitig können aufgrund der sinkenden Auslastung selbst neue hochflexible und -effiziente Gaskraftwerke nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden, geschweige denn das es Anreize für neue Anlagen gibt.

Es geht daher nicht darum, die erneuerbaren Energien an den Markt anzupassen, sondern der Markt muss auf die erneuerbaren Energien ausgerichtet werden. Er muss durch andere Marktstrukturen ergänzt werden, die Beiträge zu Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Netzstabilität belohnen. Stromnetze, Kraftwerke und Stromnachfrage müssen an die volatile Stromeinspeisung angepasst, neue Speichertechnologien erforscht und eingesetzt werden.

Es gibt noch zwei zentrale Herausforderungen was die Rahmenbedingungen der Energiewende angehen: Zum einen macht der darniederliegende Emissionshandel es notwendig, dass wir mit einem nationalem Mindestpreis für CO2 vorangehen, der Anreize schafft alte Kohlekraftwerke stillzulegen und in Klimaschutz zu investieren. Zum anderen brauchen wir bei den Netzen einen koordinierten Ausbau und eine gesicherte Finanzierung. Mittelfristig brauchen wir deshalb eine Deutsche Netzgesellschaft in öffentlicher Hand, an der sich auch die Bevölkerung beteiligen kann.

Milk the Sun: Der Netzausbauplan, den Philip Rösler vor einigen Wochen präsentierte, wurde von vielen überschwänglich gelobt, von anderer Seite gab es massive Kritik, er sei überdimensioniert und unnötig teuer. Was sagen Sie dazu?

Özdemir: Rösler hat das Thema unverantwortlich lange schleifen lassen! Seit acht Jahren tragen Wirtschaftsminister von der Union und der FDP in der Bundesregierung die Verantwortung. Die katastrophale Bilanz beim Netzausbau: Von 2000 Kilometern sind gerade mal 268 verwirklicht. Mit dem Netzentwicklungsplan wurde endlich ein für den Netzausbau koordiniertes und transparentes Verfahren auf Bundesebene angestoßen.

Um die Akzeptanz der Bevölkerung nicht unnötig zu strapazieren, sollte sich der Ausbau der Stromnetze grundsätzlich am Notwendigen orientieren, und nicht an Maximallösungen. Die Übertragungsnetzbetreiber haben mit dem Netzentwicklungsplan aber eine genau solche Maximallösung vorgelegt! Außerdem sind die Bürgerbeteiligungsverfahren zu schnell und zu undurchsichtig durchgezogen worden.

Milk the Sun: Die Photovoltaik ist derzeit die größte regenerative Energiequelle in Deutschland. Der Zubau an Freiflächen-Anlagen nimmt zwar ab, doch  eine steigende Anzahl an Privatleuten erkennt den Nutzen ihrer eigenen Dachflächen für die Stromerzeugung durch Photovoltaik. Wie sieht die Zukunft der Photovoltaik im Programm der Grünen aus?

Özdemir: Die Energieversorgung in Deutschland soll vor allem auf Wind und Solar beruhen. Binnen einem guten Jahrzehnt hat sich der Solarstromanteil in Deutschland von rund 0,01 auf heute über 4 Prozent erhöht. Im letzten Jahrzehnt ist in Deutschland eine neue innovative Branche entstanden, in der heute rund 130 000 Menschen arbeiten und in der jährlich rund 10 Mrd. Euro investiert werden. Deutschland hat zudem auf der Grundlage der rot-grünen EEG-Förderung eine Technologieführerschaft im Solarmarkt erreicht.

Allerdings erlebt die deutsche Solarindustrie in den letzten Monaten handfeste Schwierigkeiten. Die weltweite Produktionskapazität von Solarmodulen liegt aktuell mit 60 Gigawatt deutlich über der Nachfrage von rund 27 GW. Die Lager sind gefüllt, die Preise sinken. Die Produktion wird vielerorts gedrosselt, die Forschung in vielen Unternehmen zurückgefahren oder gar gestoppt. Statt zu helfen, hat die Bundesregierung in dieser schwierigen Ausgangslage eine drastische Kürzung der Vergütung für Solarstrom und teilweise sogar eine Beendigung von Vergütungszahlungen für künftig erzeugten Solarstrom beschlossen.

Wir wollen Anreize für die stärkere Netzintegration erneuerbarer Energien schaffen und  im EEG einen Speicherbonus einzuführen. Außerdem werden wir eine Forschungsoffensive starten und das Forschungsprogramm „Innovationsallianz Photovoltaik“ deutlich aufstocken. Damit sollen die technologischen und wirtschaftlichen Potenziale im Bereich System- und Gebäudeintegration, Produkt- und Prozessinnovationen sowie Speichertechnologien besser erschlossen werden. Dies soll aus Mitteln der wirtschaftlich wie energiepolitisch völlig erfolglosen Forschungsunterstützung für die Kernfusion gegenfinanziert werden.

Wir Grünen haben dazu am 23. Mai im Bundestag einen Antrag  „Energiewende sichern – Solarwirtschaft stärken“ eingereicht.

Milk the Sun: Sind Strafzölle auf chinesische PV-Module gerechtfertigt?

Özdemir: Die EU-Kommission hat temporäre Strafzölle von durchschnittlich 46 Prozent auf chinesische PV-Module vorgeschlagen. Die Zölle sollen auf die chinesischen Produkte und Lieferanten individuell zugeschnitten sein, so dass auch höhere Zwangsabgaben möglich sind. Allerdings hat der größte Teil der europäischen Solarunternehmen, etwa 500 die sich in der Initiative AFASE organisieren, die Initiative von Anfang an strikt abgelehnt.

Auch wir halten diese Form des neuen Protektionismus für den verfehlten Ansatz. Statt Strafzöllen brauchen die europäischen Modulhersteller eine aktive Industriepolitik, die die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Solarbranche stärkt.

Die EU Kommission und die deutsche Bundesregierung haben es verpasst, mit der chinesischen Regierung, aber auch mit Indien, den USA u. a., unverzüglich und auf höchster Ebene Gespräche über die Schaffung fairer Wettbewerbsbedingungen, gegenseitig freier Marktzugänge und die Einhaltung der Regeln der World Trade Organisation aufzunehmen.

Milk the Sun: Bundesumweltminister möchte die Stromkosten gering halten und schlug dafür eine Strompreisbremse vor. Zudem erklärte er, dass die Energiewende bis zu einer Billion Euro kosten könne. Wie bewerten Sie das aktuelle Vorgehen des Ministers?

Özdemir: Die von Peter Altmaier sogenannte Strompreisbremse war keine, sondern eine reine Ausbaubremse für den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Allein ihre Ankündigung hat in der Branche und bei den Unternehmen zu existentieller Verunsicherung geführt und  zehntausende Arbeitsplätze in Deutschland gefährdet. Das Ende von Altmaiers ‚Ausbaubremse‘ geht auch auf den Widerstand der rot-grünen Länder zurück. Sie hatten wiederholt auf die Gefahren von rückwirkenden Eingriffen in Bestandsanlagen und von umfangreichen Vergütungskürzungen hingewiesen.

Peter Altmaier gibt keine Antwort auf die drängenden Fragen nach einem künftigen Strommarkt, nach Kapazitätsmärkten. Offen bleibt auch die Frage, welche Betriebe künftig wieder die EEG-Umlage bezahlen sollen, damit nicht Pommes-Fabriken und die Massentierhaltung von Stromkunden subventioniert werden.

Die eine Billion Euro Kostenbehauptung von Altmeier war reine Panikmache um gegen das Erneuerbare Energien Gesetz zu mobilisieren.

Eine Studie des Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft im Auftrag von Greenpeace Energy und Bundesverband Erneuerbare Energie hat gezeigt: Der Bundesumweltminister hat sich mit seiner Billion Euro Kostenbehauptung verrechnet – und zwar nicht nur ein bisschen!

Milk the Sun: Welches realistische Ziel sehen Sie und sehen die Grünen für die Energiewende? Ist eine 100%-Versorgung möglich? Bis wann?

Özdemir: Derzeit liegt der Anteil der Erneuerbaren Energien bei 25%. Bereits 2030 wollen wir unseren Strom zu 100 Prozent erneuerbar produzieren. Im Gebäude- und Wärmebereich streben wir eine Umstellung möglichst bis 2040 an. Dazu wollen wir bis zum Jahr 2022, wenn spätestens die letzten Atomkraftwerke vom Netz gehen, mindestens die Hälfte der Stromversorgung aus Erneuerbaren Energien decken.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Özdemir für das Gespräch.

 

Merkel wünscht sich Reform des EEGs in neuer Legislaturperiode

Bundeskanzlerin Angela Merkel wünscht sich für die kommende Legislaturperiode eine bessere Verzahnung des EEGs mit Netzausbau und Kraftwerksreserven. Der bisherige Einspeisevorrang soll allerdings weiterhin bestehen bleiben.

An dem Einspeissevorrang von erneuerbaren Energien soll nicht gerüttelt werden. reichstag

Laut pv-magazine wird die Bundesregierung, geht es nach dem Willen Angela Merkels, auch in der kommenden Legislaturperiode an dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz festhalten. Demnach sieht die Kanzlerin die Energiewende als Chance für Deutschland international als gutes Beispiel voranzugehen und zusätzlich den Beweis zu erbringen, dass ein Industrieland durchaus mit nachhaltiger, erneuerbarer Energieversorgung versorgt werden kann.

Trotz dessen wünscht sich Merkel eine Reform des EEG. „Die Systeme können nicht völlig voneinander entkoppelt nebeneinander existieren, sondern müssen verzahnt werden – auch bei dem Stand, den wir schon heute beim Ausbau der erneuerbaren Energien haben“, so Merkel am Montag auf dem Deutschen Verbrauchertag in Berlin. Demnach solle zwar an dem Einspeisevorrang für erneuerbare Energien festgehalten werden, doch sei eine bessere Verknüpfung von Investitionen in Netze, nachhaltige Energieversorgung, Speichertechnologien und ähnlichem notwendig. Man müsse auf die verschiedenen Interessen in den verschiedenen Regionen Deutschlands besser eingehen, so Merkel und rief zu einem Miteinander von Bund und Ländern auf. Es müssten in den norddeutschen Bundesländern, die eine große Windkraftkapazität besäßen, zwar ganz andere Interessen berücksichtigt werden als in den süddeutschen Ländern, in denen vor allem eine hohe Photovoltaikleistung erzielt würde, doch sei eine Zusammenarbeit unerlässlich.

Auch wenn es sich bei dem Einspeisevorrang laut Merkels Darstellung um das Rückgrat des EEGs handelt, regt sich Widerstand von Seiten verschiedener FDP- und Unionspolitiker. Diese erhoffen sich von einer Abschaffung des Einspeisevorrangs eine Verhinderung des Anstiegs der EEG-Umlagen. Damit ist der von Merkel gewünschte Haltung der Bundesregierung zu dieser Frage bei weitem nicht sicher.

Quelle: pv-magazine

 

Sebastopol, Kalifornien: Solarmodule auf Neubauten zukünftig Pflicht

Der Solarmarkt in den US tut sich schwer, richtig in die Gänge zu kommen. Dennoch finden sich immer wieder positive Meldungen in den Zeitungen und Medien der Vereinigten Staaten. Dass die Energiewende auf regionaler Ebene durchstarten kann, zeigt die Stadt Sebastopol in der kalifornischen Region Sonoma County. Die Stadt in der für ihren Weinanbau bekannten Region  ist die zweite Stadt Kaliforniens, die ihren Bürgern vorschreibt, dass neue Häuser zwangsweise mit Solarmodulen zur Stromproduktion versehen werden müssen.

In Sebastopol bald verpflichtend: Solaranlagen auf Neubauten. © iStockphoto.com

Das 8000 Einwohner große Sebastopol gilt als liberale Hochburg. Der dortige Stadtrat entschied bei einer Abstimmung am Dienstag, dass zukünftig sowohl Wohngebäude als auch kommerzielle Gebäude ihre Dachflächen für Solaranlagen zu nutzen haben. Die Systeme müssen zwei Watt pro Quadratmeter der Baufläche oder 75 Prozent der jährlichen elektrischen Last des Gebäudes produzieren.

Bei Gebäuden, bei denen eine Solaranlage nicht praktikabel erscheint (so z.B. auf verschatteten Bauflächen), können neue Gebäude entweder auf alternative Nachhaltige Möglichkeiten ausweichen, oder sich über eine Gebühr freikaufen.

Vor zwei Monaten erst hatte sich auch die als konservativ geltende Stadt Lancaster ein ähnliches Programm verabschiedet. Dass sich zwei Städte, die sowohl klimatisch als auch demografisch gesehen, auf diesen gemeinsamen Weg einigen können, zeigt, welche Attraktivität der Solarenergie mittlerweile. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die dritte Stadt folgt.

Quelle: grist.org

Kirsten Hasberg, Energy Democracy TV, im Interview: „Wir sehen ein Energiewende-Bashing“

Energy Democracy TV heißt das große Projekt, dem sich Kirsten Hasberg seit einiger Zeit widmet. Es soll „The world’s first crowdpublished magazine app on the decentralized, community owned energy transition” werden. Auf Deutsch etwa: “Die erste Magazin-App über die dezentralisierte, der Allgemeinheit gehörenden Energiewende“. Nur das Wort crowdpublished fehlt in dieser Übersetzung irgendwie. Deshalb sprach Milk the Sun mit Kirsten Hasberg. Über das Projekt, über den Ansporn dahinter, und wie jeder von uns am Energy Democracy TV teilhaben kann.

Milk the Sun: Sehr geehrte Frau Hasberg, was verbirgt sich hinter Energy Democracy TV? Und, was bedeutet das Wort „crowdpublished“ in diesem Zusammenhang?

Hasberg: Die Einleitung stimmt – Energy Democracy TV ist das digitale Magazin zur Energiewende – von Energiewendern, für Energiewender, weltweit! Crowdpublishing heißt, dass das Magazin von den Menschen erstellt wird, die schon weltweit die Energiewende vorantreiben. Dabei sind Videoinhalte genauso wesentlich wie Text- und Graphikinhalte – daher das „TV“. Wir wollen die Geschichten der wahren Helden der Energiewende ans Tageslicht bringen, und so Veränderungen weltweit anregen.

Milk the Sun: Derzeit reißen sich die Medien geradezu um Themen der Energiewende. Wozu braucht es denn Ihre App? Was wird dadurch anders in der Berichterstattung darüber?

Hasberg: Vielleicht die deutschsprachigen Medien, ja. Das macht aber die Berichterstattung nicht unbedingt besser! Leider sehen wir immer wieder, wie große Medienhäuser die dezentrale Energiewende in ein schlechtes Licht stellen, indem sie fälschliche Informationen verbreiten – und dies resultiert dann in öffentlicher Meinungsbildung und letztlich in politischem Handeln, dass sich auf falschen Annahmen basiert – wie z.B. der Strompreisgipfel ein Resultat der medialen Debatte über Erneuerbare Energien als Preistreiber der Strompreise war. Dabei verhält es sich genau umgekehrt – dafür braucht es aber ein Minimum an volkswirtschaftlicher Einsicht. Gerade diese Einsicht an ein nicht-fach-publikum zu vermitteln wäre die Aufgabe von Journalisten – anstatt dessen sehen wir aber ein „Energiewende-Bashing“, wo Halbwahrheiten verbreitet werden.

Dies liegt wahrscheinlich auch daran, dass die Geschäftsmodelle der großen Medienhäuser bröckeln, und es bei Journalisten längst nicht mehr die Zeit und Muße gibt, um wirklich tief in Themen einzutauchen. Heute brauchen wir nicht mehr drauf zu warten, dass die großen Herausgeber die Botschaft verstehen – wir werden einfach selber Herausgeber! Die Energierevolution und die digitale Revolution sind also eng verwoben! Unsere Gesellschaft basiert sich auf Wissen – und aus meiner Sicht können nur neue Medien mit neuen Geschäftsmodellen wie Energy Democracy TV  weiterhin sichern, dass Medien nicht Halbwissen verbreiten.

Milk the Sun: Wie ist denn die Situation außerhalb des deutschsprachigen Raums?

In den USA, wo ich gerade unterwegs bin um die Crowdfunding-Kampagne für Energy Democracy TV zu verbreiten, laufen gerade die Debatten über die Keystone Pipeline und Fracking auf hochtouren – auch in New York State gibt es Fracking-Pläne –  obwohl für New York gerade eine Stanford-Studie veröffentlicht worden ist, wie der Bundestaat zu 100 % von erneuerbaren Energien versorgt werden kann.  Ich habe hier erlebt, wie die Argumente der Energiedemokratie gut ankommen und wie viele die deutsche Entwicklung im Bereich der erneuerbaren Energien beneiden. Aber viele Menschen haben einfach die Hoffnung verloren, dass dies auch in den USA möglich wäre – sie brauchen erneute Hoffnung und gute Vorbilder.

Dies zeigt: Es reicht nicht, dass wir das Wissen haben, dass wir Studien erstellen – diese müssen auch in einer Art und Weise kommuniziert werden, die Menschen anspricht!

Genau da kommt Energy Democracy ins Bild: Das digitale Magazin wird nicht nur aus Text- und Graphikinhalte bestehen, wie im Printformat, sondern auch Videos – und die sind hervorragend dazu geeignet, ein visuell ansprechendes Thema wie die Energiewende zu kommunizieren. Im Gegensatz zu Print ist es auch weltweit verfügbar – auf dem Tablet, dem Smartphone oder auf dem Computerschirm. Überall erwartet den Leser ein einladendes Magazindesign – kostenlos!

Milk the Sun: Wie kam es zu der Idee? Welchen Ansporn haben Sie?

Hasberg: Ich bin in Dänemark geboren und aufgewachsen, und habe mich schon sehr früh für erneuerbare Energien interessiert – schon mit 14 habe ich ein Praktikum im Bereich der Solarenergie gemacht. Ich habe auch früh für mich erkannt, dass es nicht an der Technologie, sondern an der Umsetzung hapert. Deshalb habe ich Volkswirtschaft studiert – denn Volkswirte weltweit waren und sind einer der größten Barrieren der Energiewende! Auf Grundlage von falschen Annahmen rechnen sie vor, warum sich die Energiewende nicht lohnt. Um diese Argumente zurückweisen zu können, habe ich selber Volkswirtschaft studiert – denn Volkswirte diskutieren gern mit einander, respektieren aber volkswirtschaftliche Argumente von nicht-Ökonomen eher weniger.

Der entscheidende Punkt, um selber ein Unternehmen zu gründen, war der Tod von Hermann Scheer 2010. Ich hatte für Ihn gearbeitet und er war ein großes Vorbild und Inspirator für mich. Er hat mit seiner Arbeit die Entwicklung nicht nur in Deutschland, sondern weltweit geprägt. Von ihm stammt auch der Begriff der Energiedemokratie – er hat die Energiewende immer als ein weltweites Friedensprojekt gesehen, sein Interesse für erneuerbare Energien kam aus der Friedensbewegung. Sein Ansatz war global und parlamentarisch – die Energiewende ist ein Thema für alle Parteien und Ideologien. Auf diese Grundlage möchte ich mit den Mitteln der digitalen Revolution weiterbauen. Die Idee von Energy Democracy TV hat sich über zwei Jahre zu dem entwickelt, was sie heute ist: Ein globales kostenloses, digitales Magazin über die Demokratisierung unserer Energieversorgung,  von Energiewendern, für Energiewender – und die, die es werden wollen!

Milk the Sun: Wer kann alles mitwirken? Und wie?

Hasberg: Im Augenblick läuft unsere Crowdfunding-Kampagne auf Indiegogo, der größten internationalen Crowdfunding-Plattform. Crowdfunding heißt, dass Menschen weltweit finanziell zur Verwirklichung von den vorgestellten Projekten beitragen können. Als Gegenleistung werden verschiedene Geschenke angeboten – bei uns kann man unter anderem aufs Titelblatt der Erstausgabe gelangen oder Videostar im Magazin werden – wir produzieren dann ein Video, dass in der Erstausgabe erscheint. Dieses Angebot ist besonders für Unternehmen und andere Organisationen interessant, die gerade die Videokommunikation für sich entdecken und ein Video für Ihre Homepage brauchen. Wir liefern ein Video – und die internationale Vermarktung gleich mit!

Wer die Kampagne mit 50 USD oder mehr unterstützt, wird eingeladen, mit Inhalten für die erste Ausgabe beizutragen. Über www.energydemocracy.tv gelangen Sie direkt auf unsere Kampagnenseite, und können mit jedem Betrag dabei sein.

Zusammen mit meinem Co-Redakteur Craig Morris, ein deutsch-amerikanischer Freiburger, der einer der führenden englischsprachigen Energiejournalisten und unter anderem der Hauptautor von www.energytransition.de ist, werden wir die Beiträge redaktionell übersehen und dafür sorgen, dass durch jedes Magazin ein roter Faden läuft und die Inhalte qualitätssichern – redaktionelle Arbeit eben!

Ziel ist es, ein Backend zu entwickeln, wo es auch richtig Spaß macht, als Autor dabei zu sein, und wo Autoren in der Erstellung von Beiträgen Hilfestellung bekommen – ob Video, Graphiken oder Text. Geil,Danke!, unsere Berliner Partner in der Softwareentwicklung, arbeiten schon daran.  Dann kann grundsätzlich jeder Beiträge einstellen, wobei Beiträge von Unternehmen als Anzeigen eingestuft und gegen Entgelt aufgenommen werden – das ist das Geschäftsmodell.  Die Beiträge werden unter einer Creative Commons-Licens publiziert – das heißt, das wir uns re-publizierung in anderen Medien mit Quellenangabe erwünscht sind! So können wir das Magazin – und vor allem die Kernbotschaft der dezentralen Energiewende – weltweit verbreiten. Ich bin aber davon überzeugt, dass das Lesevergnügen von Energy Democracy dafür sorgt, dass Energiewender weltweit das Magazin kostenlos abonnieren und genießen werden!

Milk the Sun: Welche großen Grundprobleme sehen Sie derzeit im Zusammenhang mit der Energiewende aus politischer wie auch aus wirtschaftlicher Sicht?

Hasberg: Die Fokussierung auf sogenannt „alternativlose“ Lösungen. Schon der Begriff „alternativlos“ versetzt Menschen in einen passiven, apathischen Zustand. Man bekommt das Gefühl: Unsere Meinung, unser Handeln zählt nicht und kann nichts beeinflussen. Deshalb geht es mir mit Energy Democracy TV auch darum, Menschen Hoffnung zu machen. Wir können tatsächlich die Energiewende selbst in die Hand nehmen und so die Welt verändern!

Ein Problem ist, dass wir in den Ländern, die international als Vorreiter gelten – wie Deutschland und Dänemark – immer wieder Rückschläge erleben. 2013 ist in Deutschland ein spannendes Jahr – doch wie wollen wir weltweit die Erfolgsgeschichte der deutschen, dezentralen Energiewende erzählen, wenn sie von der deutschen Politik gekappt wird? Der Kampf um die Energiewende ist also noch lange nicht gewonnen und wird sich in Deutschland auf die Bundestagswahlen hin noch verschärfen.

Das Magazin „The Atlantic“ hatte diese Woche ein Titelblatt mit dem Text „We will never run out of oil“ – und dazu der Untertext, dass dies gut für die USA sei. Das es weit besser für die USA wäre, eine wahre Energiewende weg von den fossilen und nuklearen Energien und hin zu den erneuerbaren zu vollziehen, wird nicht in Erwägung gezogen.

Es liegt also noch viel Überzeugungsarbeit vor uns.

Milk the Sun: Warum gehört die Energiewende Ihrer Meinung nach der Allgemeinheit?

Hasberg: Im Grunde haben sich die Geschäftsmodelle der fossilen und nukleare Energien nur gelohnt, weil die wahren Kosten der Allgemeinheit überlassen wurden. Es wird Zeit, dass wir eine Energieversorgung erschaffen, dessen Vorteile der Allgemeinheit zufallen, nicht nur die Kosten!

In Deutschland sind die Begriffe Bürgerenergiewende, Energiegenossenschaften und regionale Wertschöpfung schon im allgemeinen Sprachgebrauch – diesen Bewusstseinswandel wollen wir global vorantreiben. Alle Leser sind herzlich eingeladen, auf www.energydemocracy.tv dabei zu sein!

Wir bedanken uns bei Kirsten Hasberg für das Gespräch.

Zwischenruf von Dr. Hermann E. Ott: Klimapolitik fängt zuhause an

Dr. Hermann E. Ott, seit September 2009 klimapolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, zur aktuellen deutschen und europäischen Klimapolitik.

Nach Backloading-Pleite: Deutschland muss Klima-Vorreiter sein

In der Zeit zwischen den Weltklimagipfeln in Doha und Warschau ist es wieder einmal ruhig um die Klimapolitik geworden. Doch einmal jährliche Klimaverhandlungen und das Warten auf Andere bringen uns im Klimaschutz nicht voran. Seit langem trete ich daher für eine Klimapolitik der unterschiedlichen Geschwindigkeiten (KluG) ein, bei der klimapolitische Pioniere in Vorreiterallianzen vorangehen – und Klimapolitik nicht als Belastung begreifen, sondern als Chance. Die Backloading-Pleite im Europaparlament verdeutlicht: Jetzt kommt es mehr denn je darauf an, dass Deutschland klimapolitisch vorangeht. Alle Erneuerbaren Energien – auch die Solarenergie – müssen dabei ihre Potentiale ausschöpfen.

Dr. Hermann E. Ott: "Derzeit fällt Deutschland jedoch als klimapolitischer Vorreiter auf fatale Weise aus"

Derzeit fällt Deutschland jedoch als klimapolitischer Vorreiter auf fatale Weise aus. Auch die Energiewende gerät ins Stocken und leidet unter politischer Orientierungslosigkeit. Dabei ist ihr Erfolg als internationales Signal immens wichtig; wenn Deutschland das schafft, so die allgemeine Meinung, dann ist es überall möglich. Scheitert aber die Energiewende, scheitert die Klimapolitik.

Nur mit einem richtungsweisenden Kompass, mit klaren Zielen und mit nachvollziehbaren Zwischenschritten kann eine Energiewende mit Herz und Seele zum Erfolg werden. Der Kompass der Energiewende wird dabei durch zwei dominierende Koordinaten bestimmt: Atomausstieg und Klimaschutz sind und waren die treibenden Motive, zu denen sich ökonomische Ziele wie die Schaffung einer sicheren und bezahlbaren Energieversorgung gesellen.

Klimaschutz als Ziel erinnert uns zudem daran, dass die Energiewende weit mehr sein muss als eine reine Stromerzeugungswende. Erforderlich ist ein sozial-ökologischer Umbau unserer Gesellschaft – von dem die Energiewende ein Teil ist. Und umgekehrt wird die Energiewende auch nur so gelingen.

Nach der Abstimmungspleite zur Reform des Emissionshandels auf europäischer Ebene kommt es klimapolitisch auf Deutschland an. Die Kanzlerin muss es zur Chefinnensache machen, dass das EU-Klimaziel auf 30 Prozent bis 2020 angehoben wird. Wir dürfen nicht mehr länger warten mit der Einführung eines Mindestpreises für Verschmutzungszertifikate – notfalls eben national und am besten im Verein mit anderen Staaten, wie Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden. Auch ist ein nationales Klimaschutzgesetz überfällig, denn unser Klimaziel muss endlich rechtlich verankert und mit den notwendigen Maßnahmen unterlegt werden.

Ins Hausaufgabenheft einer Bundesregierung gehört daher: Klimapolitik fängt zuhause an!

 

Timon Gremmels im Interview: „Ich traue Schwarz-Gelb die Energiewende einfach nicht zu“

Timon Gremmels, seit November 2009 Mitglied im Hessischen Landtag, ist Umwelt- und Energiepolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion in Hessen. Wie er die Energiewende in Hessen sieht und welche Arbeit diesbezüglich auf die Entscheidungsträger Hessens und Deutschlands zukommt, erklärt er im Gespräch mit Milk the Sun.

Timon Gremmels: "Ich traue Schwarz-Gelb die Energiewende einfach nicht zu"

Milk the Sun: Sehr geehrter Herr Gremmels, die Erneuerbaren Energien nehmen einen immer größeren Stellenwert in der Energieproduktion Deutschlands ein. Wie ist der Status Quo der Energiewende in Hessen?

Gremmels: Beim Bundesländerranking der „Agentur für Erneuerbare Energie“ vom  Dezember 2012 ist Hessen zum dritten Mal in Folge Schlusslicht bei den Erneuerbaren Energien unter den Flächenländern geworden.  Auch nach dem Energiegipfel der Landesregierung, der nach der Atom-Katastrophe von Fukushima einberufen wurde, ist bisher nicht viel Konkretes umgesetzt worden. Die SPD-Landtagsfraktion hatte gefordert, die Kommunen verstärkt zu den Motoren der Energiewende zu machen. Leider erschweren Vorgaben in der Hessischen-Gemeinde-Ordnung, dass Städte und Gemeinden sich ausreichend wirtschaftlich betätigen und in die Energieerzeugung einsteigen können. Diese Hürden werden wir nach einem Wahlsieg bei der Landtagswahl im September beseitigen. Gleiches gilt auch für die Beteiligung von Kommunen an Windkraft im Staatsforst. Hier wollen wir, dass regionale Anbieter, die die Wertschöpfung  steigern, bei der Vergabe von Windkraftflächen bevorzugt werden, oder aber die Kommunen nach dem Vorbild von Rheinland-Pfalz mit bis zu 30 Prozent an den Pachteinnahmen beteiligt werden.

Milk the Sun: Im Norden Deutschlands werden verstärkt Windturbinen errichtet, der Osten und der Süden setzen viel auf Photovoltaik-Anlagen. Welche Formen der erneuerbaren Energiegewinnung sind für das Land Hessen am wichtigsten?

Gremmels: Die Energiewende gelingt nur, wenn wir auf einen Mix der Erneuerbaren Energien setzen. Wir brauchen Photovoltaik  genauso wie Biomasse und Windkraft mit ihren jeweils spezifischen Vorteilen. Für uns stehen die Erneuerbaren-Energie-Anlagen im Fokus, die geeignet sind, die regionale Wertschöpfung zu steigern. Die Energiewende ist nicht nur ein Thema der Ökologie, sondern vor allem auch eines der Ökonomie. Klar ist aber auch, die Windkraft im Binnenland ist die derzeit effizienteste Form der Strom-Erzeugung. Hessen ist bei der Windkraftnutzung bundesweites Schlusslicht. Hier haben wir den größten Nachholbedarf. Da Hessen ein sehr waldreiches Bundesland ist (42%), wird es künftig auch im Wald Windkraftanlagen geben.

Milk the Sun: Auch Fracking ist ein Thema in Hessen. BNK Petroleum wurde dort die Suche nach im Schiefergestein gebundenen Erdgases mittels Fracking vorerst eine Absage unterteilt, wofür sich auch die hessische SPD einsetzte. Warum?

Gremmels: Erst durch zwei Kleine Anfragen der SPD-Landtagsfraktion kam Ende 2011 zu Tage, dass die kanadische Firma BNK Petroleum in Nordhessen nach unkonventionellem Erdgas suchen will. Daraufhin haben wir eine umfangreiche Landtagsanhörung beantragt und diese im Oktober letzten Jahres durchgeführt. Auf Vorschlag von SPD und Grüne wurde vom Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie beauftragt, die Gutachten des Bundesumweltamts und des Landes Nordrhein-Westfalens  auf hessische Besonderheiten zu untersuchen. Darüber hinaus hat Frau Prof. Böhm von der Universität Marburg festgestellt, dass die einhelligen negativen Stellungnahmen der betroffen Kommunen dem überwiegend öffentlichen Interesse im Sinne des Bundesbergrechts entspricht. Die hessische Umweltministerin hat das Regierungspräsidium Darmstadt als zuständige Genehmigungsbehörde darauf angewiesen, diese beiden Gutachten im weiteren Genehmigungsprozess zu berücksichtigen. Wir gehen davon aus, dass die Aufsucherlaubnis nicht erteilt werden kann.  Unabhängig vom aktuellen Antrag lehnt die hessische SPD Fracking in ihrem Landtagswahlprogramm klar ab. Die möglichen hessischen Fördermengen stehen in keinem Verhältnis zu den Gefahren für Mensch und Umwelt. Gas wird aber weiterhin für den Energiemix gebraucht. Wir sehen in der Power-to-Gas Technologie die deutlich nachhaltigere und umweltfreundlichere Form der Gaserzeugung, die es zu unterstützen gilt.

Milk the Sun: Welche Potentiale bietet die Energie-Effizienz in Hessen? Welche Schritte sind Ihrer Meinung nach in Hessen diesbezüglich zu gehen?

Gremmels: Das Energie-Effizienz-Potential ist auch in Hessen immens. Zwar hatten sich alle Beteiligten des Hessischen Energiegipfels 2011 darauf verständigt, z.B. die Sanierungsrate auf 2,5 bis 3 Prozent anzuheben, allerdings hat die Landesregierung bisher kaum etwas getan, um dieses Ziel umzusetzen. Im Gegenteil: So lehnte die Schwarz-Gelbe Koalition beispielsweise den SPD-Gesetzentwurf für ein Erneuerbares-Energien-Wärmegesetz für den Gebäudebestand nach dem Vorbild von Baden-Württemberg ab. Auch die Möglichkeit, dass Städte und Gemeinden per kommunaler Satzung für ihre Gebietsköperschaften eigenständige Vorgaben machen – wie z.B. mit der Marburger-Solarsatzung – wurde durch CDU und FPD die landesrechtliche Grundlage genommen.

Milk the Sun: Die Landesregierung in Hessen wird derzeit von CDU und FDP gebildet. Wie sieht die SPD deren derzeitige Energiepolitik?

Gremmels: Die derzeitige Landesregierung hat kein Energiekonzept. Bis zur Atomkatastrophe waren CDU und FDP in Hessen führende Verfechter der Atomkraft und der Laufzeitverlängerung des ältesten deutschen AKWs in Biblis. Auch bei der Kohlekraft wollte die Regierungskoalition den Ausbau des E.ON Kohlekraftwerks Staudinger im dichtbesiedelten Rhein-Main-Gebiet. Zwar äußern die Regierungsparteien verbal den Willen, den Anteil der Erneuerbaren Energien auszubauen, bei der konkreten Umsetzung stehen sie aber nach wie vor auf der Bremse. So regelt das jüngst beschlossene Energie-Zukunfts-Gesetz der Regierung nur Informationskampagnen und Förderprogramme, im Unterschied zu unserem deutlich ambitionierteren Energie-Konjunkturgesetz mit verbindlichen Vorgaben. Auch ist der Landesentwicklungsplan, der die Grundlage für den Ausbau der Windkraft in Hessen regelt, bis heute noch nicht beschlossen. Der fehlende Wille der Regierung, offensiv für die Akzeptanz der Windkraft zu kämpfen, dokumentiert niemand besser als der zuständige Landesplanungsminister Florian Rentsch (FDP). Als Wiesbadener Kreisvorsitzender seiner Partei stachelte er mit Bildern brennender Windkraftanlagen die Menschen gegen Anlagen im Taunus auf.

Milk the Sun: 100% Erneuerbare bis 2050, dieses Ziel gibt das Hessische Umweltministerin aus. Ist das realistisch?

Gremmels: Das Ziel, Hessen bis spätestens 2050 rechnerisch vollständig mit Erneuerbaren Energien zu versorgen, ist Ergebnis des Hessischen Energiegipfels von 2011 und  inzwischen Konsens aller Landtagsfraktionen. Allerdings ist das ein Ziel in ferner Zukunft. Was fehlt, sind klare Zwischenziele, eine begleitende Evaluation sowie ein Masterplan für die Energiewende in Hessen. Diese Vorschläge von uns fanden keine Mehrheit. Leider beschränkt sich der Konsens nur auf den Strom- und Wärmebereich. Der gesamte Verkehrsbereich wurde von der Landesregierung ausgeklammert. Das ist ein Fehler, den wir nach einem Landtagswahlsieg korrigieren werden.

Milk the Sun: Welche Zeichen wünschen Sie sich von Bundespolitik für den Fortgang der Energiewende in Deutschland?

Gremmels: Ich traue Schwarz-Gelb die Energiewende einfach nicht zu. Peter Altmaier hat mit seiner sogenannten Strompreisbremse den Markt der Erneuerbaren Energien stark verunsichert und den Menschen Sand in die Augen gestreut. Nicht die steigenden Strompreise sind Haupttreiber der Energiekosten, sondern Öl und Benzin. Auch Altmaiers bis heute durch nichts belegte Horrorszenario der 1 Billion Euro, die die Energiewende in seinen Augen kosten werde, hat gezeigt, dass er als glaubwürdiger Kämpfer für die Energiewende ein Totalausfall ist. Für einen Erfolg müssen die Rot-Grünen Erfinder der Energiewende nach der Bundestagswahl wieder das Ruder in die Hand nehmen.

Wir bedanken uns bei Herrn Gremmels für das Gespräch.

Faktencheck: Deutsche Umwelthilfe unterstellt Institut der deutschen Wirtschaft Unseriösität

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat mit einem Faktencheck auf die Pressekonferenz des Institutes der deutschen Wirtschaft Köln (IW) zum Thema „Bedroht die Energiewende die Industrie in Deutschland?“ reagiert. Die DUH erkennt in den Ausführungen des IW tendenziöse Arbeit, mit teils selektiven, teils fehlerhaften Daten und falschen Schlussfolgerungen.

So hinterfragt die DUH die Vergleiche des IW des deutschen Strompreises mit dem Strompreis in Frankreich oder in den Niederlanden. Während in Frankreich der Strom schon seit vielen Jahren günstiger als in Deutschland sei, und die Preisspreizung dabei schon einen höheren Wert erreichte als in den letzten Monaten, so profitierten die Niederlande von Einkäufen des durch die Energiewende in Deutschland deutlich günstiger gewordenen Börsenstrompreises.

Insgesamt unterstellte die DUH dem IW eine „gezielt selektive Wahrnehmung“, auch weil ein Vergleich mit anderen großen europäischen Industrienationen wie z.B. Italien, wo der Strompreis meist 15 bis 20 Prozent über dem deutschen liegt, ausblieb.

Unerwähnt blieb laut DUH auch, dass der absolute Strompreis für energieintensive Unternehmen, nachdem er in den letzten Jahren schon nur moderat stieg, im letzten Halbjahr aufgrund des Kosten dämpfenden Effekts der Erneuerbaren Energien (Merit-Order-Effekt) sogar um 0,5 Cent/kWh sank.Die Preisentwicklung am Terminmarkt der Strombörse lasse zudem weiter sinkende Strompreise für die ohnehin von vielen staatlichen Abgaben entlastete energieintensive Industrie erwarten. Als realitätsfern bezeichnet die DUH zudem Angaben, dass ein Strompreisanstieg von 2 ct/kWh (EEG-Umlage) Mehrbelastungen in dreistelliger Millionenhöhe bringen könnten. Laut Jahresmittelwerte des Bundeswirtschaftsministeriums sei der Industriestrompreis seit 1995 nicht um 2 ct/kWh gestiegen.

Vehement zurück wies die DUH auch Zahlen aus einem Statement des Direktors des IW, Prof. Dr. Michael Hüther. Der behauptete, zwischen 2007 und 2012 einen Preisanstieg für Strom für größere industrielle Verbraucher  von fast 40 Prozent festgestellt zu haben, von 7,5 Cent auf 10,4 Cent.

Diese Daten, so die DUH, entsprängen einer kombinierten Darstellung zweier Methodologien in einer Graphik und schlichtweg gefälschter Zahlen. Laut einer Statistik des Bundeswirtschaftsministeriums betrage der Preisanstieg lediglich 3,7 Prozent.

Mit Hinblick auf die Gesamtpreisentwicklung der letzten 17 Jahre, in denen der Anstieg in Deutschland insgesamt 1,45 ct/kWh und damit 16 Prozent beträgt, hält die DUH Prognosen des IW über einen Preisanstieg von 2 ct/kWh in naher Zukunft für unseriös.

Weitere Kritik übt die DUH an der Herstellung eines Bezugs zwischen vermeintlich drastischem Strompreisanstieg und dem Rückgang der Nettoinvestitionen der deutschen Industrie. Dabei gehe das IW weder auf den Tiefpunkt 2004/05 ein noch auf die Frage nach der weltweiten Wirtschaftskrise 2009/10.

Die Untermauerung der Aussagen des IW durch durchgeführte Umfragen wies die DUH mit Verweis auf die Verbandsumfrage des IW für 2013 zurück, in der eine generelle Zuversicht festgestellt wurde.

So fällt das Fazit der DUH mit dem Grundtenor aus, dass der IW gezielt tendenziös, selektiv und mit falschen Zahlen arbeite.

Kompletter Faktencheck der DUH zu Pressekonferenz des IW Köln

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