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Vier Fragen an … Denis-Mariel Kühn, Aufsichtsratsvorsitzender der Energiegenossenschaft Berlin-Brandenburg eG (EGBB)

Denis-Mariel Kühn ist der Aufsichtsratsvorsitzende der Energiegenossenschaft Berlin-Brandenburg eG (EGBB). Der diplomierte Kaufmann studierte an der Technischen Universität Dortmund. Er kann auf langjährige Erfahrungen im Bereich der Erneuerbaren Energien zurück blicken. Derzeit arbeitet er als Geschäftsführer bei der Green Energy World GmbH. Die EGBB hat das Ziel, eine dezentrale und bürgereigene Energieversorgung zu fördern. Die Energiegenossenschaft entstand aus einer Initiative der Berliner Unternehmensgruppe Corporate Energies Ende des Jahres 2012.

Denis-Mariel Kühn: "Die große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung wird vor allem durch Politiker geschürt, die im Wahlkampf um Stimmen kämpfen und durch die Medien, welche zum Teil in recht populistischer Manier das Thema Erneuerbare Energien aufgreifen. "

Milk the Sun: Lieber Herr Kühn, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Denis Kühn: Insgesamt können wir in Deutschland mit Stolz auf eine sehr positive Entwicklung der Erneuerbaren Energien in Deutschland  schauen, welche immer noch beispielhaft ist weltweit. Ein Erfolgsfaktor war und ist sicherlich das EEG und eine weitestgehende Stabilität der langfristigen wirtschaftspolitischen Faktoren in diesem Zusammenhang. Was die schwarz-gelbe Regierung betrifft, gibt es einiges an negativen und fragwürdigen Ereignissen in dieser Zeit, welche das Interesse dieser Koalition an der Energiewende in Frage stellen. Letztlich war es genau diese Regierung, die Ende 2010 entgegen des vertraglichen Atomkonsens zum festgelegten Atomausstieg eine Laufzeitverlängerung in Abstimmung mit den Atomenergiekonzernen beschloss und diese Verlängerung nur auf Druck der Öffentlichkeit nach dem Atom-Unglück von Fukushima zurücknahm.

Die aktuelle Diskussion um die EEG-Umlage und steigende Strompreise ist auch auf die schwarz-gelbe Koalition zurückzuführen. Sie war es, die auf Wunsch der Energiewirtschaft in 2010 den Verkauf des EEG-Stroms über die Börse einführte.  Nun stehen wir vor der Situation, dass wir in einem Umverteilungsdilemma stehen. Großabnehmer von Strom und die Industrie zahlen immer weniger für ihren Strom, werden EEG-Umlage befreit, während die steigenden Umlagekosten aufgrund fallender Strombörsepreise durch den privaten Endkunden zu zahlen sind. Anfang dieses Jahres – im Wahljahr – hat die Regierungskoalition wieder massiv versucht gegen die Energiewende zu mobilisieren und das EEG durch Beschlüsse auszuhebeln, was später an den Bundesländern scheiterte. Insbesondere die öffentliche Art und Weise der Auseinandersetzung mit dem Thema durch die Regierung  war nachhaltig nicht positiv für die Erneuerbaren Energien. Hier muss sich der Umweltminister auch selber die Frage stellen, welche Interessen er in seinem Amt mit seinen Handlungen vertritt und tatsächlich zu vertreten hätte. Aktuell vertritt die FDP sogar den Standpunkt einer Aussetzung des EEG. Insgesamt fällt mein Fazit daher sehr durchwachsen aus.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Denis Kühn: Ganz wichtig wird sein, dass die Bundesregierung keinen „Schnellschuß“ landet. Das Thema EEG Umlage und steigende Stromkosten für Private Haushalte müssen angegangen werden. Insbesondere, um das insgesamt noch positive öffentliche Meinungsbild zur Energiewende nicht weiter zu belasten. Ich denke aber, dass die Lösung in diesem Zusammenhang primär in der konzeptionellen Korrektur der EEG-Umlage und deren Umverteiligungsmechanismus liegt und weniger im Grundsatz des EEG. Das EEG ist der Grundpfeiler zur Erreichung der angestrebten Energiewende hin zu einer sauberen Energieversorgung.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Denis Kühn: Wie schon gesagt, wird es Korrekturen geben müssen. Darin sind sich meines Erachtens alle Akteure einig.  Die große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, von der Sie sprechen, wird vor allem durch Politiker geschürt, die im Wahlkampf um Stimmen kämpfen und durch die Medien, welche zum Teil in recht populistischer Manier das Thema Erneuerbare Energien aufgreifen. Insgesamt würde auch ich mir eine sachlichere, objektive und nicht einseitige Betrachtung in der Strompreisdebatte wünschen. Zu selten wird auf die tatsächlichen Kosten und Subventionen der Atom- und fossilen Energieträger eingegangen. Auf der anderen Seite gibt es aber einen sehr positiven Trend, dass sich Bürger immer stärker privat in die Erneuerbare Energien-Thematik einbringen, sei es durch die Errichtung eigener kleiner Energieanlagen oder das aktive Engagement in Energiegenossenschaften.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Denis Kühn: Die Kräfte, welche gegen eine nachhaltige und feste Umweltpolitik mit einem grünen Energiekonzept agieren, entspringen in der Regel bestehenden Machverhältnissen. Die großen Energieversorger haben bis zum stetigen Ausbau der Erneuerbaren Energien, den Markt ohne Wettbewerb beherrscht. Ihre Position und die Nutzung ihrer fossilen und atomaren (enorm renditestarken) Energieanlagen versuchen sie mit aller Macht zu verteidigen. Auch Konzerne aus der Industrie haben häufig ein eher schwach ausgeprägtes Umweltbewusstsein. Diese Unternehmen zeichnet alle aus, dass sie finanziell sehr stark und einflussreich sind. Ihre Lobbyarbeit in Berlin wirkt hier sehr bewusst auf Politiker und Entscheidungsträger – so mein Empfinden. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir in möglich vielen Bereichen unserer Gesellschaft – wie der Energieversorgung – dezentrale Strukturen schaffen. Und wenn möglichst viele Bürger unmittelbar einbezogen sind, dann dürften wir es schaffen, dass zukünftig weg von den Grabenkämpfen hin zur Erreichung der geplanten Umweltziele erfolgreich gearbeitet wird.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Kühn für das Interview.

 


 Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.)

Vier Fragen an … Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverband Solarwirtschaft e.V. (BSW-Solar)

Carsten Körnig ist der Hauptgeschäftsführer des Bundesverband Solarwirtschaft e.V.. Herr Körnig war der maßgeblich verantwortliche Begründer der bereits 1997 entstandenen Unternehmensvereinigung Solarwirtschaft e.V.. Der BSW Solar sieht sich als Treiber der Energiewende und operiert als Verband an den Schnittstellen zwischen Politik, Wirtschaft und Verbrauchern als Informant und Berater. Er vertritt die Interessen von über 800 Solarunternehmen aus der deutschen Solarbranche.

Carsten Körnig: "Es geht darum, den strommarkt der alten Energiewelt auf die neue Energiewelt mit Sonne- und Windenergie als zentrale Säulen umzubauen. Hier brauchen wir keine Schnellschüsse, sondern durchdachte und dauerhaft tragfähige Lösungen mit fairen Spielregeln, die nicht nur die Interessen der Energiekonzerne im Blick haben."

Milk the Sun: Lieber Herr Körnig, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Carsten Körnig: Die Regierung war ursprünglich angetreten, um die Laufzeit der Kernkraftwerke zu verlängern. Dieses Ziel wurde nach Fukushima schnell einkassiert – ein klarer Pluspunkt. Danach ist leider nicht die erforderliche Dynamik für den Umbau unserer Energieversorgung entstanden.  An zu vielen Stellen lief es nicht gut oder sogar gar nicht. Bundesumweltministerium und Bundeswirtschaftministerium blockierten sich gegenseitig, zum Beispiel beim Handel von Verschmutzungsrechten. Ein höherer Preis der CO2-Zertifikate würde viele unserer heutigen Probleme mildern. Besonders gelitten hat die Photovoltaik-Branche: Zu viele und unnötige EEG-Novellen haben den Markt zuerst stark verunsichert und ungewünschte Vorzieheffekte ausgelöst. Jetzt leiden wir unter der faktischen Ausbaubremse. Dabei fallen die Kosten für neu installierte Solarstromanlagen kaum noch ins Gewicht!

 Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Carsten Körnig: Die neue Bundesregierung ist gefordert, unmittelbar nach der Wahl die Rahmenbedingungen für Solarenergie nach zu justieren, damit der Ausbau nicht zum Erliegen kommt. Gemeinsames Ziel muss dabei sein, die Abhängigkeit von der Förderung weiter zu reduzieren, aber bitte mit mehr Augenmaß! Erleichtert werden müssen solare Nahstromkonzepte für Bürgerenergiegenossenschaften, Gewerbebetriebe und die Wohnungswirtschaft. Drittens geht es darum, den Strommarkt der alten Energiewelt auf die neue Energiewelt mit Sonne- und Windenergie als zentrale Säulen umzubauen. Hier brauchen wir keine Schnellschüsse, sondern durchdachte und dauerhaft tragfähige Lösungen mit fairen Spielregeln, die nicht nur die Interessen der Energiekonzernen im Blick haben.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist Ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Carsten Körnig: Die verzerrte Kostendiskussion war zu erwarten, schließlich geht es um den fundamentalen Umsturz in der Energiewirtschaft. Es wird suggeriert, an den Kosten für Strom entscheide sich die Gerechtigkeit der Gesellschaft, der Blackout drohe und die Industrie wandere ab. Die Stromkosten-Debatte wird so erhitzt geführt, weil die Erneuerbaren Energien die Verhältnisse in der Energiewelt umdrehen. Die Energiekonzerne werden aus der warmen Ecke des Quasimonopols vertrieben. Bürger, Genossenschaften und Stadtwerke gewinnen an Einfluss. Wir brauchen eine ehrliche und sachliche Debatte. Fakt ist: Wir müssen ohnehin in das Energiesystem investieren, weil unsere Stromleitungen alt, viele Kraftwerke veraltet sind. Aber wir können entscheiden, in welche Energieversorgung wir investieren. Und eine überwältigende Mehrheit möchte Erneuerbare Energien! Es ist an der Politik, die konstruktiven Kräfte einzubinden und Bremser auszubremsen. Die Energiewende hat Transparenz und den Willen zum Erfolg verdient.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist Ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Carsten Körnig: Bei langfristig wirksamen Problemen ist die Weitsicht der Menschen angesichts kurzfristiger Interessen wie Quartalsgewinne und Dividenden leider nicht sehr stark ausgeprägt. Das haben wir bei der Finanzkrise erlebt und wenn wir nicht aufpassen, wiederholt sich das beim Klimawandel. Wir sehen aber, dass sich etwas bewegt. Es sind die Mütter und Väter, es sind die Großeltern, die ihren Kindern und Enkeln einen Planeten hinterlassen wollen, auf dem auch sie leben können. Deswegen nehmen immer Menschen die Sache selbst in die Hand und investieren in Erneuerbare Energien: Ein Viertel des Stroms in Deutschland wird bereits klimaschonend, sicher und überwiegend in Bürgerhand erzeugt. Das gibt uns Hoffnung! Die Photovoltaik hat weltweit eine Bewegung ausgelöst, die nicht mehr zu stoppen ist. Klar ist aber auch, dass wir keine Zeit mehr verlieren dürfen. Je mehr Menschen mitmachen, desto schneller werden wir unser Ziel erreichen.

 

 

Wir bedanken uns bei Herrn Körnig für das Interview.

 


 Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin)

 

Vier Fragen an … Falko Bozicevic, Chefredakteur von GoingPublic Magazin

Falko Bozicevic ist seit Herbst 2006 Chefredakteur der Monatszeitschrift „GoingPublic Magazin“. Herr Bozicevic wurde 1969 geboren und studierte Mathematik und Wirtschaftsmathematik. Seit 2000 ist Falko Bozicevic bei GoingPublic Media AG angestellt. Nachdem Herr Bozicevic an dem Aufbau des Onlineauftritts von GoingPublic beteiligt war, begleitete er drei Jahre das Magazin Smart Investor als stellvertretender Chefredakteur.

Falko Bouicevic: "Die Energiewende – als Schlagwort frei erfunden und bis dato enttäuschend bedeutungslos geblieben – stand unter Schwarz-Gelb nur jeweils genau dann auf der Agenda, wenn es kurzfristig um Wählerstimmen ging, um langfristigen Machterhalt zu sichern."

Milk the Sun: Lieber Herr Bozicevic, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Falko Bozicevic: Diese Selbsteinschätzung dürfte auf dem Scheiterhaufen der Geschichte landen. In die Regierung Merkel fällt energiepolitisch nicht zuletzt der undurchdachte und populistische Wiederausstieg aus dem Ex-Atom-Ausstieg. Die Energiewende – als Schlagwort frei erfunden und bis dato enttäuschend bedeutungslos geblieben – stand unter Schwarz-Gelb nur jeweils genau dann auf der Agenda, wenn es kurzfristig um Wählerstimmen ging, um langfristigen Machterhalt zu sichern. Und guter Wille in der Bevölkerung hin oder her: Die Politik ist sich sehr wohl des Umstands bewusst, dass der Einzelne nur soweit mitzumachen bereit ist, wie sein eigenes Portemonnaie nicht angegriffen wird. Überall wo das der Fall ist, schmelzen großspurige Ankündigungen schneller als Schnee in der Frühlingssonne dahin.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Falko Bozicevic: Zunächst einmal steht zu befürchten, dass es bei Schwarz-Gelb bleibt nach derzeitigem Stand. Nur noch schlechter als das Bestehende wäre eine erneute Große Koalition, in der sich wie von 2005-09 jeder auf Kosten des Anderen zu profilieren versucht und das wiederum in Abwesenheit einer Opposition. Der Best Case wäre also bereits der Status-quo. Insofern bestenfalls keine weitere Verschlechterung. Rot-Grün hatte energiepolitisch schon die richtigen Ideen, konnte und kann aber auch nicht zaubern. Schwarz-Grün wäre eine Alternative, die auf Bundesebene womöglich einen neuen Impuls bringen könnte – ohne Gewähr natürlich.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Falko Bozicevic: Ganz klar dürfte man hier denjenigen, die nur für die nächste Legislaturperiode gewählt werden, nicht eine Aufgabe und ihre Deutungshoheit anvertrauen, die die Menschheit im gesamten 21. Jahrhundert maßgeblich beschäftigen wird. Unabhängige, d.h. nicht um Wählergunst haschende Fachleute sollten hier verstärkt eingebunden werden wie Investoren, die die „Energiewende“ zu einem Teil mitfinanzieren sollen. Wenn ich etwas kritisiere, dann den Umstand, dass unsere gewählten Vertreter zu wenig auf unabhängige Fachleute hören bzw. hören möchten. Das betrifft freilich nicht nur die Energiewende.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Falko Bozicevic: Ich möchte Folgendes vorausschicken: Neue Technologien werden kurzfristig stets überschätzt, aber langfristig unterschätzt. Klimapolitisch sind wir also gerade dabei, die Weichen für das 21. Jahrhundert zu stellen. Und niemand weiß heute, ob sich das Gleis später nochmals wechseln lässt oder nicht. Dass in einer Demokratie vieles zu kurzfristig und damit kurzsichtig ausgelegt ist, gehört leider zu ihrem Wesen. Zuzüglich der Lobbyisten. Wir wünschen uns vielleicht nicht das chinesische Modell, aber ein Planungshorizont von 15 Jahren oder mehr sollte man einer Bundesregierung durchaus ebenfalls zutrauen dürfen – und falls nicht, bedarf es einer Institution, die das kann. Womöglich eine Art Ausschuss nationalen Interesses bei übergeordneten sehr langfristigen Angelegenheiten wie „Energiewende“ oder „Demographische Herausforderung“. So wurde das EEG zwar zum Exportmodell, das ist die gute Nachricht. Die jeweils populistisch geprägten turnusmäßigen Flickschustereien daran gehören zu ihren Schattenseiten. In anderen Ländern genauso. Wichtige Themen wie die zuvor genannten dürfen jedenfalls nicht alle paar Monate zur Wahl stehen – das ist völlig kontraproduktiv und verschwendet viel Zeit, Ressourcen und Nerven.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Bozicevic für das Interview.

 


Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE)

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