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Vier Fragen an … Benjamin Reuter, freier Journalist

Benjamin Reuter arbeitet als freier Journalist für die WirtschaftsWoche und Die Zeit. Zudem schreibt er regelmäßig über die Energiewende und den Klimawandel auf dem Nachhaltigkeits-Portal WiWo-Green der WirtschaftWoche.

Benjamin Reuter: "Die einzige Hoffnung derzeit ist, dass sich die Wissenschaftler mit ihren Prognosen geirrt haben."

Milk the Sun: Lieber Herr Reuter, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Benjamin Reuter: Eine abschließende Bewertung ist schwierig, da belastbare Zahlen über CO2-Emissionen für 2012 noch fehlen. Aktuell muss man aber sagen, dass der Trend beim Klimaschutz in die falsche Richtung geht. Schuld daran ist vor allem eine verfehlte Energiewendepolitik, die Kohlekraft fördert. Hinzu kommt noch ein CO2-Zertifikate-Handel, der seinen Namen nicht verdient. Auch in Sachen Energieeffizienz hat die Regierung zu wenig gemacht. Zudem unterstützt sie in Brüssel hartnäckig in die deutschen Autokonzerne, die die geplanten EU-Emissionsvorgaben aufweichen wollen. Dabei sind umweltfreundliche Autos entscheidend, um künftig Käufer zu gewinnen. Auf dem Feld der Klimapolitik kann also von Erfolg keine Rede sein.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Benjamin Reuter: Entscheidend ist ein Neuanfang für die Energiewende. Das EEG muss reformiert werden, so dass einerseits der Strompreisanstieg gebremst wird, andererseits aber der Ausbau der Erneuerbaren erfolgreich weiter geht. Im Grunde entscheidet die nächste Bundesregierung darüber, ob die Energiewende insgesamt ein Erfolg wird. Denn die ersten 25 Prozent Grünstrom, die wir derzeit am Netz haben, waren vergleichsweise einfach zu stemmen. Jetzt muss nach und nach das gesamte Energiesystem umgebaut werden. Hinzu kommt die Energiewende im Bereich Wärme und Verkehr. Viel Arbeit also.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Benjamin Reuter: Diese Polarisierung beobachten wir auch bei WiWo Green. Die Lager der Befürworter und Gegner entfernen sich zunehmend voneinander, was eine sachliche Diskussion schwieriger macht. Da ist mittlerweile viel Weltanschauung und Ideologie im Spiel. Ich glaube, hier kommt in den nächsten Jahren der Wissenschaft eine große Bedeutung zu. Sie muss mit unparteiischen Studien informieren und die Grundlage für eine gute Politik schaffen. Und natürlich: Die Medien müssen entsprechend verantwortungsvoll berichten.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Benjamin Reuter: Wie es derzeit aussieht, wird sich die Menschheit mit ihrem steigenden Verbrauch bei Öl, Kohle und Gas selbst grillen. Ja, wir erleben einen Boom bei erneuerbaren Energien, aber nimmt man die Berechnungen der Klimaforscher ernst, dann genügt das bei weitem nicht. Ganz ehrlich: Die einzige Hoffnung derzeit ist, dass sich die Wissenschaftler mit ihren Prognosen geirrt haben.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Reuter für das Interview.

 


Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin), Erhard Renz (sonnenfluesterer.de), Sabine Eva Rädisch (Autorin und Bloggerin), Bart Markus (Wellington Partners), Prof. Volkmar Liebig (avesco Financial Services AG), Dr. Tim Meyer (Grünstromwerk GmbH), Alexander Fehr (Fehrdeal & Energieblogger), Thomas Nasswetter (Ritter Gruppe und Blogger), Dr. Stefan Dietrich (Windwärts Energie), Sylvia Pilarsky-Grosch (BWE), Holger Ruletzki (Parabel AG), Franz Alt (Journalist), Arne Horn (DZ-4), Dr. Bernd Köhler (Phoenix Solar), Björn-Lars Kuhn (Proteus Solutions & Energieblogger), Cornelia Daniel-Gruber (Journalistin und Bloggerin), Ove Petersen (GP Joule), Udo Möhrstedt (IBC Solar), Şirvan Çakici (Unicon Energy Services), Rosa Tarragó (Prime Capital AG), Robert Doelling (Energieexperte und Blogger)

 

Vier Fragen an … Robert Doelling, Energieexperte und Blogger

Robert Doelling, Jahrgang 1976, hat Marketing an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel studiert und ist Autor des Fachbuches „Information Performance – Wie aus Kunden die besten Vertriebspartner Ihres Unternehmens werden“. Nach mehreren Jahren im Marketing und der Projektentwicklung im Bereich Geothermie leitet Robert Doelling heute die Social Media-Aktivitäten bei der DAA Deutsche Auftragsagentur GmbH in Hamburg und betreut unter anderem die Portale solaranlagen-portal.com und heizungsfinder.de. Privat engagiert sich Robert Doelling als Energieblogger und schreibt regelmäßig für das Expertenportal energie-experten.org.

Robert Doelling: „Ich denke, dass vielen ihr Hemd näher ist als der Rock. Natürlich stimmt man gerne der abstrakt anmutenden Energiewende zu, sofern sie nicht mit unmittelbaren Konsequenzen für einen selbst verbunden ist.“

Milk the Sun: Lieber Herr Doelling, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Robert Doelling: Die Regierung nimmt den Klimawandel immer noch nicht ernst genug. Sämtliche Klimagipfel wie in Kopenhagen oder Doha wurden zur Selbstdarstellung genutzt, aber nicht um gemeinsame Klimaschutzabkommen zu entwerfen und durchzusetzen. Und genauso wie diese Klimapolitik auf der Weltbühne nur sporadisch agiert, so ist auch auf europäischer Ebene nix passiert. Im Gegenteil. Die deutsche Regierung hat sich mit der Verunsicherungstaktik, dass die deutsche Industrie aufgrund unserer Klimaschutzpolitik massenhaft ins Ausland abwandern und dort zu niedrigeren Energiekosten aber bei höherem Verbrauch produzieren könnte, dafür stark gemacht, dass der Emissionshandel weiter an Marktwert verliert.

Und diese europäische Klimapolitik hat wiederum eine verheerende Wirkung auf die deutsche Energiewende, weil viele politische und wirtschaftliche Maßnahmen auf einem funktionierenden Emissionshandel aufgebaut sind: Während Kohlestrom weiterhin verbilligt wird, verlieren Förderprogramme wie Altbausanierungsprogramme, das Marktanreizprogramm für Erneuerbare Energien, die Forschung für Erneuerbare Energien und Energieeffizienz oder das Programm für kleine Solarstromspeicher eine Finanzierungsmöglichkeit. Eine solche Politik zementiert die monopolistischen Energieerzeugungs- und Energieversorgungsstrukturen in Deutschland und blockiert unnötig die Energiewende.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Robert Doelling: Ich würde mir wünschen, dass sich nach den Wahlen eine Koalition gebildet hat, die zuallererst den Bürgern wieder Vertrauen in die Energiewende zurückgibt. Das wird aber nur gelingen, wenn die zukünftige Regierung nicht mehr versucht, sich durch Polemik, das Malen von Schreckensszenarien und einfachste Tatsachenverdrehung permanent als Anwälte der Industrie und der Energiekonzerne darzustellen, sondern nur, wenn sich die Regierung an die Seite des Bürgers stellt und angemessen und transparent mit der Komplexität der Energiewende umgeht.

Dann wird es aus energiepolitischer Sicht kurzfristig nötig, die Kosten der EEG-Umlage wieder gerecht zu verteilen. Dann sollte die Energiewende auf eine breitere Basis gestellt werden. Die Energiewende umfasst nämlich nicht nur Windräder und Solaranlagen, sondern viele regional differenzierte Lösungen der Strom- und Wärmeerzeugung aus unterschiedlichsten erneuerbaren Energiequellen und selbstverständlich eine wesentliche Verstärkung der Energieeffizienz. All das beschreibt die komplexe Herausforderung der Energiewende, die nur durch ein entschlossenes Bekenntnis und Handeln gestemmt werden kann.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Robert Doelling: Ich teile nicht ganz ihre Ansicht, dass sich zwei gleichwertige Gruppen an Propagandisten gegenüberstehen. Mir erscheinen die Energiewende-Bremser zwar in der Unterzahl, aber dafür wesentlich einflussreicher und medial umso besser aufgestellt. Ich glaube auch nicht, dass es Ordnungsrufe oder Schlichter bedarf. Was wir brauchen sind die politischen Weichenstellungen, die eine Energiewende sowohl attraktiv für die Bürger als auch für die jetzigen Energiekonzerne macht. Es wird immer gerne vergessen, dass die deutsche Volkswirtschaft jährlich einen Betrag von über 85 Milliarden Euro zur Begleichung der Energiekosten, in erster Linie für Öl, Kohle und Gas, aufbringen muss. Und, dass auch Strom aus fossilen Energien weitaus größere, steuerliche Förderungen erhält als jetzt die Erneuerbaren Energien. Unsere Energiewende wird daher auch eine Art Demokratisierung der Energieversorgung mit sich bringen müssen, in der der Bürger im Mittelpunkt steht und entscheidet, wofür sein Geld ausgegeben werden soll.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezies geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Robert Doelling: Ich denke, dass vielen ihr Hemd näher ist als der Rock. Natürlich stimmt man gerne der abstrakt anmutenden Energiewende zu, sofern sie nicht mit unmittelbaren Konsequenzen für einen selbst verbunden ist. Und um dieses ambivalente Verhältnis vieler Bürger zur Energiewende wissen natürlich auch die Parteien und insbesondere die jetzige Regierung. Sie erspart sich daher die Generalkritik an der Energiewende, geht aber gezielt auf Stimmenfang mit gerade diesen kleinen Ängsten und macht sich daher lieber stark für Offshore-Windparks. Sehr ähnlich verhalten sich die Energiekonzerne. Da wird unterschwellig mit Versorgungssicherheit geworben, wohingegen eigentlich gemeint ist: Entweder Du lässt die Finger von der Energiewende oder der Strom wird nicht nur sehr teuer, sondern wir stellen ihn gleich ganz ab. Dies ist ja erst kürzlich wieder angedroht worden, obwohl die Energiekonzerne natürlich immer noch ausgezeichnet mit ihren Kraftwerken verdienen. Positiv finde ich, dass die Bürger das mittlerweile erkannt haben und sich in Deutschland viele neue Bürgerenergiegenossenschaften gründen und das Thema Energiewende in die eigene Hand nehmen. Das zeigt, dass Stéphane Hessel nicht gänzlich ignoriert wurde.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Doelling für das Interview.

 


Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin), Erhard Renz (sonnenfluesterer.de), Sabine Eva Rädisch (Autorin und Bloggerin), Bart Markus (Wellington Partners), Prof. Volkmar Liebig (avesco Financial Services AG), Dr. Tim Meyer (Grünstromwerk GmbH), Alexander Fehr (Fehrdeal & Energieblogger), Thomas Nasswetter (Ritter Gruppe und Blogger), Dr. Stefan Dietrich (Windwärts Energie), Sylvia Pilarsky-Grosch (BWE), Holger Ruletzki (Parabel AG), Franz Alt (Journalist), Arne Horn (DZ-4), Dr. Bernd Köhler (Phoenix Solar), Björn-Lars Kuhn (Proteus Solutions & Energieblogger), Cornelia Daniel-Gruber (Journalistin und Bloggerin), Ove Petersen (GP Joule), Udo Möhrstedt (IBC Solar), Şirvan Çakici (Unicon Energy Services), Rosa Tarragó (Prime Capital AG)

 

Vier Fragen an … Rosa Tarragó, Senior Analyst Prime Capital

Rosa Tarragó kann auf über 13 Jahre Berufserfahrung im Bereich Infrastruktur und Erneuerbare Energien zurückblicken. Frau Tarragó besetzte verschiedene führende Funktionen bei verschiedenen führenden Groß- und Förderbanken, arbeitete aber auch für Projektentwickler und für die E.ON AG. Derzeit ist sie Senior Analyst der Prime Capital AG und seit 2008 Vize-Präsidentin der KfW IPEX-Bank GmbH. Zudem gründete sie das Unternehmen Molins de vent Tarragó, das Windräder zur Wasserförderung produziert.

Rosa Tarragó

Milk the Sun: Liebe Frau Tarragó, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Rosa Tarragó: If we look at facts and figures provided by dena, Germany has experienced a “Energiewende” based mainly in a steadily increase of the electricity consumption from renewable reaching a 22,9% last year. Electricity production from photovoltaic, wind energy, hydropower and biomass increased around 10% in only one year (to 136 GWh in 2012 compared to around 80 GWh at the beginning of the Merkel II government) ant this within a context of decreasing feed-in-tariffs for renewables. And if, on top, these figures are compared with the increase of renewable shares and/or with a general change of the energy mix in other European countries – excluding the ones having implemented retroactive changes to its regulatory system – the results are comparatively satisfactory.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Rosa Tarragó: The new government has two main challenges: at a national level, to continue to steadily increase the share of renewable energies (RE) in the German energy mix at the same time that it reduces the price gap between low forward electricity prices and high allocation of costs for renewables (Stromumlage) and at an international level, to secure the German industry remains competitive in the field of renewable energies. From my point of view, both challenges can be reached if a support system is designed to motivate a real reduction of production costs reaching low electricity levelized costs close to grid parity. Within the current framework of low interest rates, to achieve a reduction of electricity levelized costs might be easier than it was before 2009.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Rosa Tarragó: In principle, it is not always negative to have a critical propaganda. It incentivizes improvement. The problem arises when none improvement is being implemented and/or the implementation takes too long. Then, uncertainty prevails and credibility in a technology can be damaged. Rather than further discussion, facts need to be achieved towards reaching grid parity. Then, a positive environment at a national and international level can be achieved. Within the European framework, Germany is in a favorable position to reach grid parity quicker than other countries thanks to its stronger sovereign country profile and high sensitivity to electricity costs.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Rosa Tarragó: Stéphane Hessel is right in his position. In addition, to state that sustainability and environmental improvement need to be attractive for the private and finance industry in order the human being and political willingness to be successful. The Kyoto Protocol mechanisms were (still are) an attempt to involve several parties in the achievement of a sustainable energy policy. Unfortunately the results have been rather moderate until now. Recently and in parallel, private companies start new initiatives (like the issue of a certificate for project bonds of renewable energies) which shall aim to increase attractiveness in sustainable investment rather than in investments in none-sustainable assets. Not all the measures can be successful in the same grade. Important is, that there are new initiatives and attempts to achieve a common sustainable objective.

 

Wir bedanken uns bei Frau Tarragó für das Interview.

 


Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin), Erhard Renz (sonnenfluesterer.de), Sabine Eva Rädisch (Autorin und Bloggerin), Bart Markus (Wellington Partners), Prof. Volkmar Liebig (avesco Financial Services AG), Dr. Tim Meyer (Grünstromwerk GmbH), Alexander Fehr (Fehrdeal & Energieblogger), Thomas Nasswetter (Ritter Gruppe und Blogger), Dr. Stefan Dietrich (Windwärts Energie), Sylvia Pilarsky-Grosch (BWE), Holger Ruletzki (Parabel AG), Franz Alt (Journalist), Arne Horn (DZ-4), Dr. Bernd Köhler (Phoenix Solar), Björn-Lars Kuhn (Proteus Solutions & Energieblogger), Cornelia Daniel-Gruber (Journalistin und Bloggerin), Ove Petersen (GP Joule), Udo Möhrstedt (IBC Solar), Şirvan Çakici (Unicon Energy Services)

 

Vier Fragen an … Şirvan Çakici, Unicon Energy Services

Şirvan Çakici ist geschäftsführendende Gesellschafterin der Unicon Energy Services GmbH. Das Unternehmen hat sich auf branchenspezifische Serviceleistungen rund um Solarprojekte im Energiesektor spezialisiert. Frau Çakici kann auf mehrjährige Berufserfahrungen in den Bereichen Politik und erneuerbare Energien zurückblicken.

Şirvan Çakici: "Politik stellt leider allzu oft weder Mensch noch Natur in den Vordergrund; Machtverhältnisse sind der entscheidende Faktor."

Milk the Sun: Liebe Frau Çakici, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Şirvan Çakici: Nach der Katastrophe von Fukushima hatte die Bundesregierung, allen voran die Kanzlerin, eine deutliche Kehrtwendung ihrer ursprünglichen Energiepolitik angekündigt. Damit einhergehen sollte eigentlich die Förderung alternativer Energiegewinnung. Die Realität sieht jedoch anders aus: Die Solarbranche wurde derart isoliert, dass zahlreiche Arbeitsplätze bereits verloren gegangen sind und weitere verloren gehen werden. Wenn man die vergangenen Monate betrachtet, kann man also zumindest in diesem Zusammenhang kaum von einer Erfolgsgeschichte sprechen.

Bereits Röttgen und Rösler waren sich über die Vorgehensweise in Richtung Umstellung auf alternative Energien nicht ganz einig, ob Altmaier erfolgreicher ist, oder in einer etwaigen neuen Legislaturperiode sein wird, wage ich zu bezweifeln. Zusammenfassend kann man das Vorgehen der Bundesregierung zu Recht ambivalent nennen.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Şirvan Çakici: Wenn alles beim Alten bleibt, sehe ich ehrlich gesagt schwarz. Ich hoffe deshalb auf einen Regierungswechsel und wünsche mir eine rot/grüne Koalition. Ich bin überzeugt, energiepolitische Themen würden dann wieder einen größeren Stellenwert erhalten.

Die Lobby der Energieerzeuger würde mit einer Rot-Grünen Regierung auf Konfrontationskurs gehen und trotzig ihren Stiefel weiterfahren. Ich sehe hier keine großen Änderungen.

Trotzdem sollte der private Verbraucher entlastet und über Förderungen von den absehbaren Teuerungen der Energiekosten unterstützt werden.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Şirvan Çakici: Andere Branchen sind lobbytechnisch einfach stärker vertreten. Dementsprechend sind die Diskussionen in letzter Zeit auch geführt worden. Die Solarbranche muss sich insgesamt besser aufstellen und dafür sorgen, dass ihre Interessen in der Bundespolitik stärkere Beachtung finden. Dazu benötigt sie einflussreiche Fürsprecher mit den richtigen Kontakten. Diese sollten auch die Informationspolitik dringend verbessern und die Bevölkerung sachlich und logisch auf die langfristigen Vorteile der Solarenergie hinweisen.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Şirvan Çakici: Neben den umweltpolitischen Aspekten wird meiner Ansicht nach außer Acht gelassen, dass es auch um Arbeitsplätze geht. Die Menschen, die durch falsche (energie)-politische Entscheidungen ihren Job verlieren, sollten ebenfalls Beachtung finden. Politik stellt leider allzu oft weder Mensch noch Natur in den Vordergrund; Machtverhältnisse sind der entscheidende Faktor. Leider hat es die Solarbranche bislang nicht geschafft, Befürworter für sich zu gewinnen.

 

Wir bedanken uns bei Frau Çakici für das Interview.

 


Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin), Erhard Renz (sonnenfluesterer.de), Sabine Eva Rädisch (Autorin und Bloggerin), Bart Markus (Wellington Partners), Prof. Volkmar Liebig (avesco Financial Services AG), Dr. Tim Meyer (Grünstromwerk GmbH), Alexander Fehr (Fehrdeal & Energieblogger), Thomas Nasswetter (Ritter Gruppe und Blogger), Dr. Stefan Dietrich (Windwärts Energie), Sylvia Pilarsky-Grosch (BWE), Holger Ruletzki (Parabel AG), Franz Alt (Journalist), Arne Horn (DZ-4), Dr. Bernd Köhler (Phoenix Solar), Björn-Lars Kuhn (Proteus Solutions & Energieblogger), Cornelia Daniel-Gruber (Journalistin und Bloggerin), Ove Petersen (GP Joule), Udo Möhrstedt (IBC Solar)

Vier Fragen an … Udo Möhrstedt, Gründer und Vorstandsvorsitzender von IBC SOLAR

Udo Möhrstedt ist Gründer und Vorstandsvorsitzender der IBC Solar AG. Der diplomierte Physiker gründete IBC Solar bereits 1982 als Ingenieurbüro in Bad Staffelstein. Es hat mittlerweile zehn Tochterfirmen innerhalb und außerhalb Europas. Das Unternehmen vertreibt als Systemhaus Photovoltaik-Komplettsysteme mit allen nötigen Bauteilen und errichtet als Projektierer Photovoltaikanlagen für gewerbliche Großkunden. Herr Möhrstedt erhielt verschiedene Ehrungen, unter anderem 2012 das Verdienstkreuz am Bande.

Udo Möhrstedt: "Wir müssen uns wieder darauf besinnen, warum wir die Energiewende machen: Es geht um die Zukunft der Sicherheit und des Wohlstands unseres Landes. Energiepolitik muss dazu dienen, die schwerwiegendsten Folgen des Klimawandels abzuwenden."

Milk the Sun: Die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Udo Möhrstedt: Der Zubau der Erneuerbaren Energien wird durch starke Lobby-Gruppen künstlich gebremst. Stattdessen pusten speziell Braunkohlekraftwerke unaufhörlich immer größere Mengen an CO2 in die Luft, obwohl sich die Bundesregierung dazu verpflichtet hat, die CO2-Emissionen zu senken. Daneben sollen in Zukunft noch weitere Kohlekraftwerke ans Netz gehen, wogegen  Bürger bereits heftig protestieren. Die sinkenden Kosten durch Wind- und Sonnenenergie an der Strombörse hingegen werden nicht an die Kunden weitergegeben, sondern sorgen für Sondergewinne bei den Energieversorgern.

Die neue Bundesregierung muss nun dafür Sorge tragen, dass die Klimaziele wieder in den Fokus rücken und dass die niedrigen Strompreise, die wir an der Börse haben, endlich auch bei den Verbrauchern ankommen.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Udo Möhrstedt: Die neue Bundesregierung muss für einen Transformationsprozess sorgen – weg von Atom-  und Kohlekraftwerken und hin zu dezentraler Versorgung durch die Erneuerbaren Energien. Das schafft in Zukunft Unabhängigkeit von steigenden Rohstoffpreisen, macht Deutschland deshalb weniger verwundbar bei Krisen und sorgt dafür, dass das Geld im Lande bleibt und hier Arbeitsplätze entstehen bzw. gesichert werden. Als wichtiger Baustein einer intelligenten Energieversorgung mit Erneuerbaren müssen auch Stromspeicher gefördert werden – in Privathaushalten, Gewerbebetrieben und als Quartiersspeicher in lokalen Verteilnetzen.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Udo Möhrstedt: Wir müssen uns wieder darauf besinnen, warum wir die Energiewende machen: Es geht um die Zukunft der Sicherheit und des Wohlstands unseres Landes. Energiepolitik muss dazu dienen, die schwerwiegendsten Folgen des Klimawandels abzuwenden. Deswegen macht es Sinn, den ohnehin anstehenden Wechsel des überalterten Kraftwerkparks zu nutzen, um auf Erneuerbare umzusteigen und diese kraftvoll auszubauen. Im Übrigen können auch die Erneuerbaren Energien die Verantwortung für Systemstabilität übernehmen. Sie haben bereits gezeigt, dass sie bezahlbaren Strom liefern können.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Udo Möhrstedt: Wir greifen mit dem notwendigen Umbau des Energiesystems tief in ein Interessengeflecht aus Geld, Medien und Politik ein. Zu glauben, dass das ohne Auseinandersetzungen funktioniert, ist nicht sehr realistisch. Wir sollten uns deshalb darum bemühen, dass dieser Prozess so wenige Verlierer zurücklässt, wie möglich. Ich registriere auch zunehmend eine Aufgeschlossenheit für die Energiewende im mittleren Management der Stromkonzerne, ganz besonders aber bei den vielen lokal tätigen Stadtwerken. Die wissen, dass es ein „Weiter so!“ nicht geben kann und wollen die Zukunft der Energieversorgung aktiv mitgestalten, anstatt an überholten Geschäftsmodellen festzuhalten.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Möhrstedt für das Interview.

 


Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin), Erhard Renz (sonnenfluesterer.de), Sabine Eva Rädisch (Autorin und Bloggerin), Bart Markus (Wellington Partners), Prof. Volkmar Liebig (avesco Financial Services AG), Dr. Tim Meyer (Grünstromwerk GmbH), Alexander Fehr (Fehrdeal & Energieblogger), Thomas Nasswetter (Ritter Gruppe und Blogger), Dr. Stefan Dietrich (Windwärts Energie), Sylvia Pilarsky-Grosch (BWE), Holger Ruletzki (Parabel AG), Franz Alt (Journalist), Arne Horn (DZ-4), Dr. Bernd Köhler (Phoenix Solar), Björn-Lars Kuhn (Proteus Solutions & Energieblogger), Cornelia Daniel-Gruber (Journalistin und Bloggerin), Ove Petersen (GP Joule)

 

Vier Fragen an … Ove Petersen, Gründer und Geschäftsführer von GP Joule

Ove Petersen ist einer der Gründer und Geschäftsführer von GP Joule. Der Diplom-Agraingenieur schloss 2000 sein Studium an der Fachhochschule Weihenstephan ab. Der dreifache Familienvater führt zudem seit 2002 ein landwirtschaftliches Unternehmen. Ove Petersen gründete GP Joule 2010 zusammen mit Heiner Gärtner. Beide können bereits auf eine dreizehn Jahre andauernde Zusammenarbeit zurückblicken, aus der schließlich vor drei Jahren GP Joule hervorging.

Ove Petersen: "Die letzten 20 Jahre waren weltweit geprägt von einer Hegemonie des Shareholder Value gegenüber Betrachtungsweisen, die wesentlich nachhaltiger und womöglich auch intelligenter sind. Demzufolge wurde kurzfristigem Gewinnstreben vieles untergeordnet, leider häufig auch die Aspekte, die mit Umwelt- und Klimaschutz zusammenhängen."

Milk the Sun: Lieber Herr Petersen, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Ove Petersen: Zumindest bezogen auf die Klimapolitik halte ich diesen Superlativ für bei weitem übertrieben. Die Bundesregierung hat beim Klimaschutz jeden Elan verloren und für das Thema fühlt sich anscheinend niemand mehr zuständig und verantwortlich. Deutschland ist beim Klimaschutz nicht mehr Vorreiter und Lokomotive, sondern hat sich an einen Zug angehängt, der zunehmend in die falsche Richtung fährt. Die Folgen sind katastrophal: 2012 wurden in Deutschland 2 Prozent mehr klimaschädliche Emissionen ausgestoßen als 2011. Alleine die CO2-Emissionen aus der Braunkohleverstromung sind innerhalb eines Jahres um mehr als 5 Prozent gestiegen. Anstatt das CO2-Reduktionsziel national von 30 auf 40 Prozent anzuheben, hat es die Bundesregierung zugelassen, dass die Energiewende zunehmend zu einem Konjunkturprogramm für Klimakiller verkommt.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Ove Petersen: Es muss ein klares Bekenntnis zur Energiewende, zum konsequenten Ausbau erneuerbarer Energien und zum Klimaschutz her. Dafür muss man bereit sein, auch einmal Entscheidungen zu treffen, die zunächst unpopulär erscheinen können oder von Boulevardmedien auch mal kritisiert werden. Dazu zählt, dass die Berechnungsmethodik für die EEG-Umlage verändert werden muss. Wenn die Verursacher klimaschädlicher Emissionen an den damit verbundenen Folgekosten beteiligt werden, wird das System insgesamt gerechter und der Differenzbetrag zu den EEG-Vergütungen sinkt – auch zu Gunsten der Verbraucher. Dafür muss CO2 endlich einen Mindestpreis erhalten, im Zweifelsfall zunächst auch in Folge eines nationalen Alleingangs durch Deutschland als Vorreiter. Einen Mindestpreis von 40 Euro je Tonne ausgestoßenem CO2 halte ich für absolut angemessen, denn die Folgeschäden je Tonne sind wesentlich höher anzusetzen, wie erst neulich wieder Studien nachgewiesen haben. Eine solche Maßnahme würde auch einen positiven Impuls für mehr Innovationen und Investitionen in klimafreundliche Technologien bedeuten. Davon würden die deutschen Unternehmen gerade auch auf internationaler Ebene in besonderer Weise profitieren.

Aber auch wir als Erneuerbare Energien-Branche müssen unsere Hausaufgaben machen: Wir müssen selbstständig und proaktiv Vorschläge dafür entwickeln, wie die erneuerbaren Energien noch günstiger und marktfähiger werden können. GP JOULE hat zum Beispiel vorgeschlagen, die nach EEG zu vergütende Stromerzeugung von Windparks oder PV-Anlagen auf 90 Prozent ihrer Nennleistung zu begrenzen. Das spart enorme Netzausbaukosten und gibt den richtigen Anreiz dazu, EEG-Anlagen immer stärker systemdienlich einzusetzen. Wer dies konsequent weiterdenkt, der wird auch schnell zur Einsicht kommen, dass die dezentrale Speicherung von Energie häufig eine gute, oft auch regional die bessere Alternative zum teuren Netzausbau ist. Wenn dezentrale Energiespeicher nicht mehr länger als Letztverbraucher behandelt werden und deswegen die damit verbundenen Steuern und Abgaben bezahlen müssen, würden sich hier viele Dinge entscheidend beschleunigen. Ein Beispiel: PEM-Elektrolyseure, die flexibel Strom in Form von Wasserstoff speichern und im Bedarfsfall rückverstromen können, haben ohne die Verpflichtung zur Zahlung von Letztverbraucherabgaben die klare Perspektive, bis zum Ende der kommenden Legislaturperiode kostenmäßig voll wettbewerbsfähig zu sein. Auf diese Weise entsteht die Möglichkeit, Stromüberschüsse aus erneuerbaren Energien kosteneffizient zu speichern und bei Nacht und Windstille wieder einzuspeisen. Mit diesem System ist es nur eine Frage der Zeit, wann der Punkt erreicht sein wird, zu dem jedermann einsehen muss, dass wir dann auch keine fossilen Kraftwerke mehr brauchen.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Ove Petersen: Einige Punkte habe ich eben schon genannt. Aber den wahrscheinlich elementarsten davon möchte noch einmal hervorheben: Die Energiewende ist die zentrale Maßnahme, über die wir Klimaschutz wirklich wirksam betreiben können und damit nicht nur vernünftig handeln, sondern auch auf die Technologien setzen, die zunehmend die günstigeren und damit auch verbraucherfreundlicheren sind. Aber diesen ein wenig abstrakten Diskurs müssen wir lebhafter und lebensnaher für die Menschen herunterbrechen und darstellen. Auch hierfür möchte ich zwei Beispiele nennen. Erstens: Wenn Sie in den USA 100 Kilometer mit dem Auto fahren, zahlen Sie mindestens genau so viel dafür, als wenn Sie das in Deutschland täten. Das Benzin kostet sie dort zwar nur die Hälfte, aber die Autos dort verbrauchen dort mindestens doppelt so viel Sprit. Wenn Benzin aber scheinbar fast nichts kostet, werden Sie sich kaum Gedanken darüber machen, wie Sie vielleicht Ihr Mobilitätsverhalten ändern könnten, um weniger Geld dafür ausgeben zu müssen und nebenbei auch noch Umwelt und Klima zu schonen. So zahlen am Ende alle drauf: Sie haben hohe Mobilitätskosten trotz niedriger Benzinpreise und der Klimawandel schreitet voran. Das Gleiche gilt für die Debatte in Deutschland: Heute ist noch kaum jemandem bewusst, dass schon 2013 neue PV-Anlagen den Strom günstiger erzeugen als neue Kernkraftwerke. Viele Interessen- und Lobbygruppen versuchen immer noch, der Öffentlichkeit den Blick auf bereits vorhandene Fakten zu verstellen und das konsequente Weiterentwickeln intelligenter Ansätze zu behindern. Aber das wird ihnen immer weniger gelingen. Jeder, der zuhause eine PV-Anlage zur Eigenstromnutzung nutzt, weiß das.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Ove Petersen: Die letzten 20 Jahre waren weltweit geprägt von einer Hegemonie des Shareholder Value gegenüber Betrachtungsweisen, die wesentlich nachhaltiger und womöglich auch intelligenter sind. Demzufolge wurde kurzfristigem Gewinnstreben vieles untergeordnet, leider häufig auch die Aspekte, die mit Umwelt- und Klimaschutz zusammenhängen. Hier könnten wir als Gesellschaft und als Staat ein „Sicherungssytem“ installieren, das künftig verhindern helfen könnte, dass Unter-nehmen, aber auch die Politik Entscheidungen treffen, die den Ressourcenverbrauch und damit auch die Umweltzerstörung und den Klimawandel weiter vorantreiben und beschleunigen: Wir sollten den Klimaschutz und die Reduzierung des CO2-Ausstoßes auf null als Staatsziele im Grundgesetz verankern. Diese Ziele sind so elementar wichtig für diejenigen, die das Grundgesetz schützen soll, nämlich die Menschen und die Tiere, die in Deutschland leben, dass sie es absolut verdienen, Verfassungsrang zu erhalten. Denn dann hätte jeder auch das Recht, Gesetze im Bereich der Klima-, Umwelt- und Energiepolitik auf ihre Verfassungskonformität hin überprüfen zu lassen. Wir würden also die Sicherheit dafür schaffen, dass das Recht und der Schutz der Menschen Vorrang vor dem kurzfristigen Gewinnstreben auf Kosten der Nachhaltigkeit hat.

Die Politik wird sicher eine solche Initiative nicht selbst ergreifen. Es braucht also eine gesellschaftliche Basis und Bewegung, die eine derartige Forderung, nämlich Klimaschutz und CO2-Reduktion Verfassungsrang zu geben, in die öffentliche politische Debatte einbringt. Da bin ich optimistisch: Ich denke, die gesellschaftliche Mehrheit, die eine solche Forderung mitträgt, ist heute größer denn je.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Petersen für das Interview.

 


Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin), Erhard Renz (sonnenfluesterer.de), Sabine Eva Rädisch (Autorin und Bloggerin), Bart Markus (Wellington Partners), Prof. Volkmar Liebig (avesco Financial Services AG), Dr. Tim Meyer (Grünstromwerk GmbH), Alexander Fehr (Fehrdeal & Energieblogger), Thomas Nasswetter (Ritter Gruppe und Blogger), Dr. Stefan Dietrich (Windwärts Energie), Sylvia Pilarsky-Grosch (BWE), Holger Ruletzki (Parabel AG), Franz Alt (Journalist), Arne Horn (DZ-4), Dr. Bernd Köhler (Phoenix Solar), Björn-Lars Kuhn (Proteus Solutions & Energieblogger), Cornelia Daniel-Gruber (Journalistin und Bloggerin)

 

Vier Fragen an … Cornelia Daniel-Gruber, Journalistin und Energiebloggerin

Cornelia Daniel-Gruber ist eine der führenden Energiebloggerinnen im deutschsprachigen Raum. Die geborene Österreicherin ist in ihrer Funktion als Journalistin und Bloggerin vor allem auf die Bereiche Solarenergie, Photovoltaik und Solarthermie konzentriert. Seit 2012 leitet sie die Redaktion des ecoquent-positions Blog. Zudem Arbeitet Frau Daniel-Gruber als externe Autorin für den oekoenergie Blog und ist seit 2011 die Inhaberin von Dachgold, einer Beratungsfirma für Solarprojekte.

Cornelia Daniel-Gruber: "Die Energiewende bringt definitiv Verlierer aber noch viel mehr Gewinner auf den Plan. Derzeit haben die Verlierer vielleicht einfach noch zu viel Geld und den Gewinnern ist das Gewinnpotenzial noch nicht so richtig bewusst." (c) Bubu Dujmic

Milk the Sun: Liebe Frau Daniel-Gruber, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Cornelia Daniel-Gruber: Nachdem ich aus Österreich bin, kann ich mir nicht wirklich erlauben Regierungsarbeit zu „bewerten“, ich weiß nur, dass in Deutschland über Energiepolitik gesprochen wird und in Österreich nicht, das Thema ist quasi nonexistent und es wird eine „Wir-sind-eh-Super-Poltitik“ gefahren. Dass unser erneuerbare Energieanteil quasi stagniert, scheint niemanden zu interessieren. Aber jetzt genug aus Österreich und zurück zu Deutschland. Was die öffentliche Debatte und den Umsetzungswillen betrifft, ist Deutschland jedenfalls meilenweit voraus, die Energiewende ist auf Schiene und trotz so mancher Entgleisungen meiner Meinung nach nicht mehr aufzuhalten. Was jedoch problematisch ist, ist das Agieren auf europäischer Ebene. Deutschland müsste noch mehr dafür eintreten, dass Drecksschleudern für ihre Verschmutzung zahlen müssen, anstatt sie weiter zu entlasten. Dies würde auch den billigen Kohlestrom verteuern und die EEG Umlage verringern. Wirklich bedenklich finde ich den Neubau der Kohlekraftwerke ohne CCS. Bei meinem Studienaufenthalt in England wurde uns erklärt, dass dies nur durch geschickte zeitliche Planung möglich war, da die Genehmigungen ausgegeben wurden, bevor das neue EU-Recht in Kraft treten konnte, wonach eine CCS-Möglichkeit für neue Kohlekraftwerke verpflichtend wurde. Nicht falsch verstehen; ich bin kein Freund von CCS, aber es würde endlich die externen Kosten internalisieren und so würden definitiv nicht mehr viele neue Kohlekraftwerke geplant, sondern nur mehr jene, die wirklich notwendig sind.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitischen Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Cornelia Daniel-Gruber: Der Strombereich ist wie gesagt auf Schiene und nun muss vermutlich das EEG etwas nachgebessert werden, es darf aber in keinem Fall so kurz vor dem Durchbruch abgeschafft werden. Es sei denn es werden gleichzeitig alle Privilegien der alten Energiewirtschaft abgeschafft und externe Kosten in die fossilen Energien eingepreist. Der viel größere Brocken ist aber meiner Meinung nach der Wärmebereich, welcher sträflich vernachlässigt wurde. Es gibt bereits erste Ansätze, dass sich hier etwas tut, dieser Weg sollte fortgesetzt werden.  Dänemark könnte hier ein gutes Vorbild sein. Der Umstieg auf 100% ist dort in allen Bereichen skizziert und auch die Finanzierung nach 4 Jahren Verhandlung unter Dach und Fach. Nun wird der Plan schrittweise abgearbeitet, auch England arbeitet mit dem System des „Backcastings“ und plant mithilfe einer CO2-Steuer eine massive Reduktion der Treibhausgase. Leider mit etwas unüblichen Mitteln wie AKW’s und CCS aber dort vertraue ich darauf, dass der Markt diese Technologien langfristig verdrängen wird, wenn nicht mit unnötigen Subventionen nachgeholfen wird.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Cornelia Daniel-Gruber: Kostenwahrheit, Kostenwahrheit, Kostenwahrheit. Da es die absolute Wahrheit immer noch nicht gibt und daher auf beiden Seiten gegensätzliche Werte verwendet werden, ist es immanent, hier wirklichen Durchblick zu bekommen. Für jeden Bürger sollte klar sein wie viel die kWh aus Photovoltaik oder Solarthermie kostet, gleichzeitig sollte jeder aus dem Effeff die Kosten/kWh für ein neugebautes Atom- oder Kohlekraftwerk beziffern können. Das klingt jetzt vielleicht zu viel verlangt, aber transparente Strom- und Wärmegestehungskosten sind meiner Meinung nach der einzig richtige Weg in Richtung Wahrheitsfindung. Natürlich müssen die Rechnungen ehrlich sein. Bei Photovoltaik und Solarthermie wird verlangt jede einzelne Handwerkerstunde, die über die Laufzeit anfällt, mit einzurechnen. Es handelt sich um eine komplette Vollkostenrechnung mit Versicherung, Garantien und Austausch einzelner Komponenten. Diesen Detaillierungsgrad vermisse ich bei den Fossilen. Man findet kaum transparente Berechnungsmodelle über die Laufzeit eines AKWs. Auch die unterschiedlichen Annahmen über die Laufzeit müssen berücksichtigt werden. Warum wird z.B. ein AKW auf 50 Jahr gerechnet, aber ein PV-Kraftwerk auf 25? Mit entsprechenden Wartungskosten kann auch ein PV-Kraftwerk über deutlich mehr Jahre betrieben werden.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezies geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Cornelia Daniel-Gruber: Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht. Es liegt sicher an der Komplexität der Probleme und daran, dass es die Zweifler geschafft haben, einen gewissen Unsicherheitsgrad in die Debatte zu bringen. Dadurch fehlt es der Politik an der nötigen Konsequenz für die anstehenden Entscheidungen. Wäre allen glasklar, dass die externen Kosten der Fossilen höher sind, als die nötigen Mittel um eine erneuerbare Gesellschaft aufzubauen und gäbe es keinen Zweifel, dass CO2 unserem Planeten wirklich schadet, wäre die Einführung einer einfachen und konsequent umgesetzten Dreck- Schadstoff- oder CO2-Steuer, die einzig folgerichtige Entscheidung. Der vielzitierte Markt würde uns dann weg vom CO2 hinzu saubereren Formen führen. Auch jeder einzelne müsste mit seinem „CO2-Budget“ auskommen und für einen Mehrverbrauch bezahlen. So würden auch die Weniger-Einnahmen aus Ölsteuern wieder aufgehoben, was ja die Politik ebenfalls noch zurückhält, die Energiewirtschaft umzubauen. Insgesamt gibt es vermutlich viel zu viele Einzelinteressen, die nicht so einfach unter einen Hut zu bringen sind. Die Energiewende bringt definitiv Verlierer aber noch viel mehr Gewinner auf den Plan. Derzeit haben die Verlierer vielleicht einfach noch zu viel Geld und den Gewinnern ist das Gewinnpotenzial noch nicht so richtig bewusst.

 

Wir bedanken uns bei Frau Daniel-Gruber für das Interview.

 


 Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin), Erhard Renz (sonnenfluesterer.de), Sabine Eva Rädisch (Autorin und Bloggerin), Bart Markus (Wellington Partners), Prof. Volkmar Liebig (avesco Financial Services AG), Dr. Tim Meyer (Grünstromwerk GmbH), Alexander Fehr (Fehrdeal & Energieblogger), Thomas Nasswetter (Ritter Gruppe und Blogger), Dr. Stefan Dietrich (Windwärts Energie), Sylvia Pilarsky-Grosch (BWE), Holger Ruletzki (Parabel AG), Franz Alt (Journalist), Arne Horn (DZ-4), Dr. Bernd Köhler (Phoenix Solar), Björn-Lars Kuhn (Proteus Solutions & Energieblogger)

Vier Fragen an … Björn-Lars Kuhn, Inhaber von Proteus Solutions und Energieblogger

Björn-Lars Kuhn ist einer der erfolgreichsten Energieblogger Deutschlands und ist Gesellschafter bei Proteus Solutions. Er ist seit vielen Jahren in der IT-Branche tätig. Zusätzlich kann Herr Kuhn auf ein mehrere Jahre umfassendes Fachwissen auf dem Gebiet der Solarbranche zurückblicken. Neben seiner Tätigkeit als IT-Experte ist Herr Kuhn auch freier Journalist. Als solcher gehört er zu den einflussreichsten Stimmen auf dem Themengebiet der Solar- und Photovoltaikenergie.

Björn-Lars Kuhn: "Rein technisch ist es möglich Deutschland bis 2030 fast ausschließlich über die Erneuerbaren zu versorgen. Doch das wird ein Wunschtraum bleiben."

Milk the Sun: Lieber Herr Kuhn, die Liste derer, denen in den letzten Monaten und Jahren ein Ausbremsen der Energiewende vorgeworfen wurde, ist lang. Wie schätzen Sie die klimapolitischen Ergebnisse der letzten Legislaturperiode der schwarz-gelben Regierung ein, der nach Kanzlerin Merkel „erfolgreichsten Bundesregierung seit der Wiedervereinigung“?

Björn-Lars Kuhn: „Erfolgreich“ ist wieder eine der üblichen pathologischen Euphemismen. Das hört man in den letzten Tagen von fast jeder Partei. Denn die letzte Legislaturperiode war alles andere als erfolgreich: permanente Änderungen am EEG haben die Branche verunsichert und den zügigen Ausbau der Erneuerbaren spürbar gebremst, der Zertifikatshandel liegt am Boden, nahezu jedes energieintensive Unternehmen wird subventioniert und auf europäischer Ebene schreit ein gekaufter Schwabe gleich nach neuen Atomkraftwerken.

Wo ist da der Erfolg, wenn die Lobby der großen Vier erfolgreich auf Shopping-Tour war? Klimapolitisch gesehen waren die letzten vier Jahre ein Desaster. Einzige Hoffnung ist, dass Landespolitiker im eigenen Land teilweise anders denken, als auf Bundesebene.

Milk the Sun: Unabhängig davon welche Partei nach dem 22.September in den Bundestag einziehen wird und unabhängig von der dann herrschenden Koalition, kommen auf die neue Bundesregierung viele wichtige und prägende energiepolitische Entscheidungen zu. Was erwarten Sie sich von der Bundesregierung nach den Wahlen?

Björn-Lars Kuhn: Eine konsequente Umsetzung der Energiewende ohne weiteres Rumgeeier. Rein technisch ist es möglich Deutschland bis 2030 fast ausschließlich über die Erneuerbaren zu versorgen. Doch das wird ein Wunschtraum bleiben.

Aber eine beständige, langfristige Novellierung des EEG muss endlich in Angriff genommen werden und in diesem Zuge muss auch ein neues Strommarktdesign her. Claudia Kemferts Buch (Kampf um Strom) sollte hier eine gute Grundlage darstellen. Derzeit verdienen sich ausschließlich die Energieversorger mit diesem System eine goldene Nase. Bürgerenergiewende geht anders. Aber da wollen wir hin. Und das sollte für die nächste Regierung ein klarer Auftrag sein. Die Bürgerenergiewende ist nicht mehr nur ein Thema der Grünen.

Milk the Sun: Derzeit herrscht eine große Verunsicherung innerhalb der Bevölkerung, wenn es um das Thema Erneuerbare Energien und die damit zusammenhängende Energiewende geht. Der einzelne erstickt in einem Schwall an Pro-und-Anti-Propaganda, was letztendlich lediglich Verunsicherung und Verwirrung zur Folge hat. Es gibt nur wenige Stimmen die zur Ordnung rufen und die Diskussion auf eine sachliche und logische Ebene zurückführen wollen. Wie ist ihr Vorschlag für ein konstruktiveres Vorgehen in diesen Fragen?

Björn-Lars Kuhn: Ja, da haben die großen Energieversorger und Lobbyisten ziemlich viel Geld in die Hand genommen. Derzeit hat man fast den Eindruck, dass wir eine Gleichschaltung der Medien erreicht haben. Der gemeine Bürger wird tatsächlich mit Fehlinformationen überschwemmt, was man schon nahezu Demagogie nennen kann.

Auf der anderen Seite stehen teilweise – auch das muss man fairerweise sagen – militante Umweltaktivisten, die dagegen halten, aber auch schon mal nur Behauptungen aufstellen, statt den Beweis anzutreten. Das war der Grund dafür, dass einige von uns (Blogger und Journalisten) die Energieblogger gegründet haben.

Wir verstehen uns zwar als Verfechter der Energiewende, gehen aber vielen Behauptungen auch auf den Grund und stellen uns öffentlich der Diskussion.

Ich sehen den mündigen Bürger in der Pflicht, sich auch mal intensiver zu informieren, nicht nur über die Mainstream-Medien. Nur mit emotionslosen Fakten lässt sich auf Dauer argumentieren. Dafür treten wir Energieblogger jeden Tag an. Vielleicht können wir irgendwann wieder die Sachlichkeit in die Diskussion bringen.

Milk the Sun: Stéphane Hessel bezeichnete den Kampf für eine nachhaltige und feste Umweltpolitik als eine der Hauptaufgaben der Menschen im 21. Jahrhundert. Die Erkenntnisse der Wissenschaft und die Veränderungen des Klimas geben ihm Recht. Dennoch passiert verhältnismäßig wenig, obwohl es letztendlich um die Existenz der menschlichen Spezis geht. Wie ist ihr Standpunkt dazu, dass sich angesichts eines derart dringenden Themas noch immer in politischen und wirtschaftlichen Grabenkämpfen ergeben wird?

Björn-Lars Kuhn: Das ist wohl eines der Kernprobleme seit Erfindung des Kapitalismus. Klar haben wir jetzt die dringende Aufgabe dieses „Klimading“ in den Griff zu bekommen. Aber solange heute mit dreckiger Energie noch Geld verdient wird, scheint das vielen, gerade in den Führungsetagen der Konzerne, nicht wirklich wichtig zu sein. Viele haben ihr Gewissen schon vor Jahren abgegeben und agieren nur noch nach dem Motto „Gier frist Hirn“. Und leider funktionieren unsere Politiker da sehr analog. Es gibt nur noch wenige Manager und Politiker, die sich der Wahrheit verschrieben haben und auch zu ihrem Wort stehen.

Ich möchte meinen Kindern und Enkeln eine lebenswerte Zukunft sichern, was in diesen Tagen recht schwierig ist, da wir meines Erachtens schon heute von Konzerninteressen dominiert werden – nicht nur im Energiebereich.

Eine Chance könnte sich ergeben, wenn die Kluft zwischen Arm und Reich noch größer wird und der Durchschnittsbürger vielleicht mal wach wird oder wenn die fossilen Energiequellen tatsächlich drastisch weniger werden; bisher ist das ja für viele nur Theorie. Dann könnten die Tage der „Führer“ gezählt sein. Ich weiß nur nicht, ob ich das noch erleben möchte. Auch deshalb beschäftige ich mich mit dem Thema erneuerbare Energien.

 

Wir bedanken uns bei Herrn Kuhn für das Interview.

 


Im Rahmen der Interviewreihe “Vier Fragen an …” stellt der Milk the Sun Blog bis zur Bundestagswahl am 22.September 30 Tage lang führenden Köpfe aus Wirtschaft, Politik und Medien vier Fragen zu den Erwartungen an die Energiepolitik Deutschlands der zurückliegenden und kommenden Jahre. Bisher interviewten wir Sebastian Bolay (DIHK), Heiko Schwarzburger (Photovoltaik), Corinna Lang (CleanEnergy Project), Patrick Jüttemann (klein-windkraftanlagen.com), Christian Leers (PV-Experte), Robert Schwarz (BTO Management Consulting), Lothar Lochmaier (Freier Journalist), Michael Richter (Sonneninvest AG), Kilian Rüfer (SUSTAINMENT), Udo Schuldt (Blogger), Thorsten Zoerner (Solution Architect), Prof. Dr. Eicke Weber (Fraunhofer ISE), Falko Bozicevic (GoingPublic Magazin), Carsten Körnig (Solarwirtschaft e.V.), Denis-Mariel Kühn (EGBB), Doreen Brumme (Freie Journalistin), Erhard Renz (sonnenfluesterer.de), Sabine Eva Rädisch (Autorin und Bloggerin), Bart Markus (Wellington Partners), Prof. Volkmar Liebig (avesco Financial Services AG), Dr. Tim Meyer (Grünstromwerk GmbH), Alexander Fehr (Fehrdeal & Energieblogger), Thomas Nasswetter (Ritter Gruppe und Blogger), Dr. Stefan Dietrich (Windwärts Energie), Sylvia Pilarsky-Grosch (BWE), Holger Ruletzki (Parabel AG), Franz Alt (Journalist), Arne Horn (DZ-4), Dr. Bernd Köhler (Phoenix Solar)

 

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