Meinung: Kohle, Knete und die Klimakonferenz

In Warschau findet derzeit die UN-Klimakonferenz statt. Wissenschaftler, Umweltverbände und Klimaschützer drängen einheitlich auf neue weltweit gültige Klimaschutzabkommen. Die Situation ist drängend. Sollte es nicht gelingen die Treibhausgasemission zu verringern, droht der Welt in wenigen Jahrzehnten ein Klimakollaps. Warum also, stoßen die Warnungen der Experten noch immer auf derart taube Ohren?

Die Beführworter des Klimaschutzes drohen die Menschen zu vergessen. Sie brauchen sie für einen funktionierende Verringerung der Treibhausgase. (C) Photo by Last Hero, CC-Attribution, Bestimmte Rechte vorbehalten

Derzeit findet im polnischen Warschau die UN-Klimakonferenz statt, auf der über neue Klimaschutzziele abgestimmt werden soll. Neue Perspektiven sind nach dem desaströsen Ende der letzten Konferenz in Doha notwendig; die Warnungen von Klimaschützern, Wissenschaftlern und Umweltschutzverbänden sind nicht kleiner geworden. Vielmehr steuere die Welt, deutlicher noch als bisher, auf eine klimatische Katastrophe zu, sollte sich an der Treibhausgasemission in den nächsten Jahren nicht grundlegend etwas ändern, zu drängend und ernst seien die Prognosen, sollte nichts unternommen werden.

Doch erneut stoßen die Warnungen auf viele taube Ohren. Die Gründe für soviel verbohrte Beharrlichkeit sind nicht immer bloße Boshaftigkeit. Einige der Gründe für die Engstirnigkeit einiger Teilnehmer der Klimakonferenz sind gefußt auf einer gewissen Logik. Beispielsweise ist Gastgeberland Polen einer der größten Verfechter der Kohlepolitik. Die polnische Regierung unter Donald Tusk hat bereits mehrmals von ihrem Veto Gebrauch gemacht, um im EU-Rat strengere Klimaschutzabkommen zu blockieren. Doch dies ist nicht alleine auf die Kohlelobbyhörigkeit der polnischen Regierung abzuwälzen, wie einige Umweltverbände immer wieder lautstark betonen.

90 bis 95 Prozent des in Polen erzeugten Stroms basiert auf Kohlekraft. Dies hat zur Folge, dass sich ein großer Industriezweig entwickelt hat, der viele hunderttausend Menschen mit Nahrung und einem Dach über dem Kopf versorgt. Die Kohle verspricht demnach vielen Menschen in Polen einen gewissen Wohlstand, Sicherheit für sich selbst und ihre Familien. Dass wenig Interesse daran besteht, dies aufzugeben, ist nur verständlich. Um mit Brecht zu sprechen: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“

Fressen und Moral

Wie die FAZ kürzlich in einem Artikel ganz treffend recherchierte, haben ganze Regionen in Polen Angst, wie das Ruhrgebiet zu Enden, oder noch schlimmer, wie die ehemaligen Kohle Regionen im Norden Englands, in denen die gesamte Industrie fast über Nacht kollabierte. Wer könnte diesen Menschen die Angst vor dem eigenen wirtschaftlichen Zusammenbruch vorwerfen? Und es wären jene Minen- und Heizkraftwerkarbeiter, die es treffen würde, die ihre Familien nicht mehr ernähren könnten. Es würde nicht die Manager der großen Stromkonzerne und Minenorganisationen treffen. Selbst wenn sie ihre Jobs verlieren würden, bräuchten sie sich um das Wohl ihrer Familien keine Sorgen machen.

Es ist also leicht, Menschen zu mobilisieren, wenn sie Angst um ihre Existenz haben. Diese Angst packt sie beim Stolz. Wer will sich eingestehen, dass er oder sie seine/ihre Familie nicht mehr ernähren kann, dass nichts mehr beigetragen werden kann zum Überleben? Wer will sich freiwillig abhängig machen von der Wohlfahrt eines Staats? Die Forderung der Aufgabe des selbstbestimmten Lebens ist ein zu großen Opfer.

Die Interessen der polnischen Regierung mögen weniger rechtschaffend sein, aber das ist Spekulation. Es ändert auch nichts an dem Veto der Tusk-Regierung und daran, dass die Blockadepolitik einen funktionierenden Klimaschutz verhindert. Aber es macht den Standpunkt der tatsächlich Betroffenen verständlicher. Die Frage ist nun, was getan werden kann, um die verhärteten Fronten doch noch aufzuweichen.

Doch es bedarf mehr als Beschlüsse

Zuvorderst können die Regierungen der größten Volkswirtschaften – und vor allem jene, die den größten Anteil an der Verschmutzung tragen – mit gutem Beispiel voran gehen. Was hindert China, die USA, Russland, Deutschland, Frankreich, Italien usw. daran ihre Klimapolitik zu überdenken? Die gleichen Gründe, die auch die polnische Regierung zurück halten, könnte erwidert werden. Mitnichten. Das Beispiel Deutschland: Eine der größten Volkswirtschaften weltweit, in jedem Fall in der EU. Seit Jahren schon geht der Anteil, der in Deutschland geförderten Kohle zurück, seit Jahren schon ist es viel zu teuer in Deutschland zu fördern. Das Land befindet sich derzeit in einer derart sicheren Position, dass es kaum einen prädestinierten Kandidaten gibt in der EU, um voran zu gehen. Also eben genau das zu machen, was 85 Nichtregierungsorganisationen jetzt in einem offenen Brief an Angela Merkel und die Führungen der verhandelnden Koalitionsparteien gefordert haben.

Beschlüsse hin, Klimaschutzgesetz her, es braucht mehr als das. Es herrscht der Bedarf an einer Alternative. Wie stellt man sicher, dass jene Menschen, die ihren Lebensunterhalt in den Minen verdienen, nicht im Armenhaus enden, dass jene Regionen, die vom Kohleabbau seit Jahrhunderten leben, nicht einfach sterben?

Diese Frage ist ebenso wichtig, wie die unmittelbare Frage nach der Umsetzung des Klimaschutzes. Es ist zynisch und naiv zu glauben, dass man den Rückhalt der Bevölkerung durch Transparente und Moralpredigten erlangt. Das ist das Feld der Ideologen und Priester. Also schreibt eure Gesetze, hört auf die warnenden Stimmen; es ist tatsächlich dringend. Aber glaubt nicht, dass es einfacher geht, wenn ihr die Menschen nicht abholt, wenn ihr ihnen ihre Arbeit und ihre Lebensgrundlage nehmt. Glaubt nicht, dass ihr ihnen so ein Ziel verkaufen könnt, dass (noch) keine Relation zu ihrer europäisch-westlichen Lebensrealität hat. Gebt den Menschen eine Alternative, gebt ihnen zu fressen, dann könnt ihr auch mit der Moral kommen.

Quellen: FAZ, klimaretter.info, Spiegel-Online, Tagesspiegel, the guardian

(C) photo by Last Hero, CC-Attribution, Some rights reserved

1 Kommentar

Udo Schuldt

vor 4 Jahren

Sehr guter Artikel der die Pfadabhängigkeit gut beschreibt. Natürlich ist es auch wichtig Konversionsstrategien zu entwickeln. Soweit mir bekannt ist haben sich viele Firmen der Erneuerbaren-Energien-Branche im Ruhrgebiet angesiedelt, weil sie dort entsprechend gefördert wurden und weil es dort qualifizierte Arbeitskräfte gibt. Man kann Kohlekraftwerke nicht von einem auf den anderen Tag abschalten. Es würde im ersten Schritt genügen, wenn keine neuen mehr gebaut würden. Im zweiten Schritt könnte eine Kohleausstiegsgesetz den geordneten Rückbau regeln. Tatsächlich passiert aber gegenwärtig etwas anderes. Die CO2-Emissionen aus Kohlekraftwerken steigen weltweit enorm an. Banken, darunter der deutsch KfW helfen beim Bau neuer Kohlekraftwerke. Es ist also nicht mal so, dass die Kohlearbeiter um ihre Jobs fürchten müssen. Global arbeiten sogar immer mehr Menschen in diesem Sektor. Darum ging es den Umweltverbänden bei ihrem Auszug. Sie haben durchaus Verständnis für die Menschen die im Kohlesektor beschäftigt sind, wollen aber eine Reduzierung und keine Ausweitung, so wie es eben zur Zeit der Fall ist.

Antworten

Kommentar schreiben

Jetzt einen Kommentar schreiben!